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Heute Fischerdorf, früher eine
mittelalterliche Stadt Von: Peter Wiepert, Bisdorf/Fehmarn (1960) LEMKENHAFEN, das mittelalterliche Städtchen. Das heutige Fischer= und Arbeiterdorf Lemkenhafen auf Fehmarn war bis nach 1510 eine Stadt mit lübschem Recht, Bürgermeister und Rat, die ein eigenes Stadtsiegel führten, nämlich ein nach links schreitendes Lämmchen mit dem holsteinischen Nesselblatt. Einruck befindet sich im Neustädter Kreismuseum. An einigen Urkunden ist es noch erhalten, z.B. einer aus dem Jahre 1466, die von einer Auseinandersetzung der Geschworenen der Landschaft Fehmarn mit dem Rar der Stadt Lübeck berichtet, die Inschrift trügt: + sigillum + consulum + de lemmeken - havene. In der Mitte sieht man das vorhin erwähnte Lämmchen und an den Seiten des Nesselblattschildes zwei etwas undeutliche laengliche Figuren, die wahrscheinlich zwei Fische darstellen sollen. Ebenfalls findet man das Siegel an einer Urkunde des Lübecker Oberhof Gerichts aus dem Jahre 1487. Zwei fehmarnsche Bauern, Jakob Wilder aus Gollendorf and Claus Thomas aus Wenkendorf apellierten damals in einer Erbschaftssache mit “eneme gescholdenen ordel” d.i. gesprochenem Urteil des Rates in Lemkenhafen an den Oberhof in Lübeck. Das Urteil des Oberhofes bestimmte dann, daß eine Mutter eine näherstehende Erbin sei, als des Vaters Schwester. In der mittelalterlichen Stadt muß auch eine Kapelle gewesen sein. In den “Acta Pontiffeum Danica / Band V. Seite 421” wird nämlich in einer Bulle des römischen Papstes Julius II. vom 11. Oktober 1505 eine Kapelle der seligen Jungfrau Maria, im Lande Fehmarn, Bistum Odensee erwaehnt, (capella b. Marie virginis vulgariter Tarlemepenkenen (?) In terra Imbrie et Ottoniensis diocesi) deren Betreuung und Einkünfte damals durch den Tod des Vikars Bernhard Deveo frei geworden war, dem Hermann van der Hopen, einem Geistlichen in Lübeck übergeben wurden. Die etwas unklare Bezeichnung Tarlemepenkenen in der lateinischen Urkunde ist von allen späteren Chronisten immer als Lemkenhafen gedeutet worden. Im Lemkenhafener Binnensee wird außerdem heute noch ein bestimmter Platz als “Kirkensteen” bezeichnet, auf dem bis nach 1930 mehrere grosse Steine lagen, die einem alten Steinwall oder Steinfundament ähnelten. An dieser Stelle wurden in den Jahren 1839/1868/1881 und 1906 auch mehrfach Teile von menschlichen Skeletten freigespült und gefunden. Man hat angenommen, daß hier ein Kirchhof oder Begräbnisplatz der früheren mittelalterlichen Stadt gelegen hat. In der Gollendorfer Bucht, früher “Wiek” genannt lliegt nach dem Hafenplatz O R T H zu übrigens mitten im Wasser ein zerstörtes Hünengrab, “de stolt Havmann” oder “Haumann” genannt. Um 1900 bildeten hier mehrere große Steine noch einen Kreis; später sind sie vom Wasser versetzt, teilweise auch als Steinschlag zum Hafenbau u.dgl. Verwendet worden. Eine alte Vollkssage erzählt, daß die Fischer hier früher nachts, wenn sie einmal zufällig in den Steinkreis hineinsegelten, machmal in ein Grab schauen konnten. In diesem standen aber keine Särge, sondern lagen die Toten auf Steinplatten und Steinsetzungen, um sie herum ihre Waffen, Trinkkrüge und Becher. Wenn sie die Toten gesehen hatten, durften sie keinem Menschen erzählen, was sie gesehen hatten, durften sie keinem Menschen erzaehlen, was sie gesehen hatten, sonst haetten sie Unglück. Wer aber an zu sprechen fing, wurde angeblich von unsichtbaren Kräften in das Grab hineingezogen, konnten dann nicht wieder herauskommen. Ein Selbstmörder soll da einmal hineingesegelt sein und dann laut gebetet haben. Da ist sein Boot untergegangen und er selbst ertrunken. Vom Land aus haben einige Fischer gesehen, daß aus dem “stolten Havmann” eine dicke Nebelwolke herausdampfte. -- In dem alten fehmarnschen Dorflied aus dem 16. Jahrhundert heißt es von Lemkenhafen, to Lemmekenhaven dar fören se blanke Werde!” Dieser Reim hängt mit der Zeit zusammen, als Lemkenhafen noch ein sehr reger Handelsplatz war und hier viele Seeleute und Schiffseigner zu Hause waren, die Schwerter, Streitmesser und Degen als Verteidigungswaffen führten, manchmal auch Zierdegen trugen, wie es im 14ten bis 17ten Jahrhundert üblich war. Wenn man eine Übersicht über viele fahmarnschen Gerichtsurteile hat, muß man feststellen, daß die seemännische Bevölkerung Lemkenhafens immer recht “streitbar” war, sich nicht gerne auf die Hüneraugen treten ließ. In früheren Jahrhunderten hatten Schiffer, Schiffsreeder, Kornkaufleute, auch gutgestellte Großbauern öfters Kornspeicher in den Hafenorten Lemkenhafen und Sülsdorfer Orth, heute Orth, die Dinns genannt wurden. Die Bezeichnung Dinn ist heute aus dem örtlichen Sprachgebrauch verschwunden, nur noch ganz wenigen alten Fehmeranern bekannt. Es waren meistens 3 –4 -fach breite und ebenso lange Fachwerkständergebaeude mit Wänden aus Lehm, die von sogenannten “staken” gestützt wurden, nämlich Knüppelholz und Latten oder aus Lehmsteinen, hin und wieder auch aus mittelalterlichen Ziegelsteinen und starken Eichenholzständern, mit Böden aus dicken Bohlenbrettern, die oben von besonders abgestuetzten “Hövständern” getragen wurden. Während die Haus- und Scheunenfächer hier allgemein 7 - 8 Fuß breit und ohne die “abseiten” bis 12 Fuß lang, waren die Fächer der Dinns meistens schmäler, 5 - 6 Fuß lang und breit, also 14 - 17 Meter. Sie hatten nur selten “Abseiten”. Die Balkenlage und Sparren lagen deshalb auch näher zusammen als bei anderen Gebäuden, doch war das keine Regel. Das Spitzdach war vorwiegend mit Pfannen der älteren Form, den “winnschen Pann” gedeckt, hin und wieder auch mit Reet und Stroh. Die Lehmwände wurden einmal im Jahr, meistens im Sommer mit weißer Kalkmilch getüncht, etwas Seewasser zugesetzt, die Ständer mit schwedischem Holzteer geteert, auch in den Innenräumen. Die Böden wurden meistens kurz vor der Getreideernte gedichtet und zwar mit einem sogenannten “miegersapps”, ein Kleister der aus gutbindendem Töpferlehm, gelöschtem Kalk, ausgebratenen Fischfetten und menschlichem Urin zusammengerührt, dann hart wie Stein wurde. An der Vorderseite des Gebäudes war auf dem Dachstuhl ein kleiner bedachter Ausbau mit einer Bodenluke herausgebaut, “dat Hötken” genannt. Man konnte ihn mit dem später aufkommenden “Franzspieß”, französisch frontespice vergleichen. Aus der obersten Dachspitze dieses “Hötkens” ragte ein wagerecht liegender Holzbalken mit einer Windevorrichtung, an der Säcke und Warenballen von den unten heranfahrenden Wagen hochgehievt wurden. An der Hinterseite des Gebäudes, das hier meistens mit dem Hafenbollwerk abgrenzte, war unten und oben ebenfalls eine Luke angebracht, “Höll- u. Himmelsluuk” genannt. Wenn Boote am Bollwerk angelegt hatten, wurden aus diesen Luken lange Holzrutschen geschoben, hier allgemein “Schurren” genannt, um Kornsäcke, Ballen u. dgl. So vom Dinn in die Boote gleiten zu lassen. Setzte sich einmal ein Sack fest, half ein “Dinner”, so wurden die Speicherarbeiter in den Dinns früher landläufig genannt, mit dem ASchurrnstaaken@ nach, der am oberen Ende ein “Krück” hatte. Die in Lemkenhafen in einer alten “Bötergilde” zusammengeschlossenen Bootsleute und Fischer “Böterten” das Getreide oder andere Waren dann auf die auf der “Rhei” (Reede) ankernden Segelschiffe, die hier wegen der geringen Wassertiefe nicht bis an das Bollwerk heransegeln konnten. Sollten umgekehrt Waren aus den Booten in den Dinn gefiert werden, wurden ebenfalls die “Schurren” angelegt, die Säcke und Ballen dann mit einer hölzernen Drehwinde, “Fier plat” genannt hochgezogen. Die Schiffsreeder und “partenschluckers”, das waren Bauern, die Anteile oder Parten an den einzelnen Schiffen hatten, lagerten in den Dinns in erster Linie im Herbst und Winter auf der Insel gekauftes oder selbst gedroschenes Getreide ein, wenn die Bauernscheunen, wie früher üblich, von einheimischen und holsteinischen Dreschern mit Dreshflegeln leergedroschen wurden, um so die Verkaufskonjunktur guenstiger ausnutzen zu können. Wenn nämlich im Frühjahr die See eisfrei geworden war, wurden die ersten aussegelnden Schiffe schnellmöglichst mit Getreide, Grütze und Graupen befrachtet, weil der Preis dann meistens höher, als einige Wochen später war, doch konnte es natuerlich auch einmal umgekeehrt sein wie z.B. im Jahre 1807, als der Weizen im Junimonat 2 Mark pro Fehmarnsche Tonne, das waren 220 Pfund, mehr kostete als im Februar. In jedem Fall hatten die hiesigen Kornauf- und Verkäufer so die Möglichkeit einer günstigeren Spekulation - aber auch ein Risiko. Wenn das Korn von den Bauern erst angeliefert wurde, wenn die Schiffe auslaufen sollten, verzögerte sich oftmals die Anfuhr. Der Kornkaufmann und Schiffsreeder Joachim Rahlff in Lemkenhafen geriet um 1814/15 hauptsächlich deswegen in eine geschäftliche Krisis hinein, weil viele Großbauern auf der Insel damals von anderen Bauern Getreide aufgekauft hatten, um damit zu spekulieren. Insbesondere hatten sich die Kämmerer und Richter, als Repräsentanten der Landschaft vorteilhaft eingedeckt. Die Fehmaraner hatten damals außerordentliche Kriegslasten zu tragen. Den einzelnen Bauern fiel es ungemein schwer, die Gelder aufzubringen. Die gutgestellten aber hofften, daß sie mit dem von ihnen aufgekauften Getreide die entstehenden Schulden der nicht zahlenden Bauern bezahlen und so große Vortweile erringen konnten. Der Kaufmann Rahlff in Lemkenhafen, der nach auswärts mehrere Kornverkaufverträge zu erfüllen hatte, konnte seine Schiffe nun nicht so schnell beladen, als wie er vorgesehen hatte. Verschiedene Bauern hatten nämlich von den Spekilanten einen höheren Preis bekommen, als sie vorher mit Rahlff abgemacht hatten. Sie zögerten mit der Ablieferung, oder lieferten auch garnichts ab, weil sie nichts mehr hatten. Diese Getreidespekulation machte damals viel böses Blut auf der Insel. Die Kämmerer und Richter, die das sogenannte “Kriegskorn” an die Magazine der Regierung abzuführen hatten waren sich einig, wie bei der Abliefeerung für sie persönlich am meisten herauszuschlagen war. Die Vertreter der Dörfer, die sogenannten “gemeinsleute” hatten Ja dazu gesagt, weil sie es nicht wagten, den Repräsentanten entgegen zu treten. Es wurden sogar schon einige Verwandte der Kornspekulanten bestimmt, die einen größeren Korntransport von Fehmarn nach Kiel begleiten sollten; da trat auf einmal in einer landschtlichen Versammlung ein Kirchspielsrichter, ein sehr korrekter Mann gegen den Plan der Kornspekulanten auf, rief in aller Eile mehrere Gemeinsleute zusammen, die dann unter großem Tumult eine neue Versammlung verlangten, in der zum Leidwesen der Kämmerer und Richter dann der Plan der Kriegsgelderablieferung in Form von Getreide rückgängig gemacht wurde. In den folgenden Tagen wurde der undurchsichtige Kjornablieferungsplan in den einzelnen Dörfern gewaltig an die Große Glocke gehängt. Und dann kam es zu einer sogenannten “Urversammlung” der "gantzen Meinheyt des landes Femern”, an der nach uraltem Brauch alle Eingessenen aus den Dörfern, die eigene Land- und Hausbesitzer waren stimmberechtigt teilnahmen. Solche Urversammlungen wurden nach 1800 nur noch zweimal abgehalten. Der Kaufmann und Schiffsreeder Joachim Rahlff wurde dann natuerlich buchstäblich mit Getreidelieferungen “überfahren”, denn jetzt drängte man ihn, das früher verkaufte, dann den Spekulanten zur Verfügung gestellte Korn abzunehmen. Da er ein sehr rechtlich denkender Kaufmann war, versuchte er den hiesigen Ablieferern gegenüber, die sich ja wenig vertragstreu ihm gegenueber benommen hatten, sein Wort zu halten. Andrerseeits machten ihn aber auswärtige Firmen wegen Ablieferungsverzögerung verantwortlich, sodaß er in eine keikle Lage kommen mußte. Kehren wir nach dieser Abschweifung zu den Dinns zurück. Um das eingelagerte Korn durchlüften zu können, waren am oberen Rand der Außenwände und im Dachstuhl kleine Luftlöche angebracht, oftmals mit hölzernen Klappen - an der Innenseite meistens mit Eisenstäben vergittert. Diese Luftlöcher wurden “Mummpsen” genannt. In einigen Dinns befand sich ein Keller = oder besonders abgeteilter Raum, in dem manchmal wertvolle Waren kurze Zeit eingeschlossen wurden. öfters nur eine Nacht oder wenige Stunden, u.a. Porzellanwaren, Hausratgegenstände, Schmuck, Kleiderstoffe, die von den Schiffskapitänen aus fremden Städten wie Kopenhagen, London, Lissabon, Mitau, Stockholm usw. mitgebracht worden waren. Diese “Kapplitzen” d.i. oft nicht ordnungsgemäßig durch den Zoll eingeführten Luxuswaren wurden am nächsten Morgen von den Reedern und “Partenschlukern”, auch deren Verwandten und Bekannten abgeholt. Im Oktober 1801 wurde der “Dinner” Prieß auf dem Sülsdorfer Ohrde bei einem Diebstahl gefaßt, als er einen Packen “türkisch Groffgrün” (Seidenstoff) und zwei Packen “Kirsey” (über Kreuz gewebter Wollstoff aus England) aus dem Lafrentzschen Dinn entwendet hatte. Die Dinnräume, in denen Geld oder Wertsachen aufbewahrt wurden, waren immer mit starken Eisensschlössern, Riegeln und Knebeln gesichert. In einzelnen Fällen, z.B. im alten Mackeprangschen Dinn konnte das Öffnen der Tür nur durch einen eingeweihten “Schlüter”, nach einer bestimmten “Knevel Sprake” (Schließerspruch) geschehen. Der Schlüter mußte drei schwere Schlösser aufschließen, drei Knebel drehen, drei Riegel schieben, beziehungsweise “stoßen” und drei Löcher “stechen”, letztere mit einem Bolzen, ehe die Tür aufging. Einer der letzten Lemkenhafener Dinns, ich möchte der vorletzte sagen, der um 1580 gebaute auf dem Johnsenschen Grundstück ist im Sommer 1959 zusammengefallen. Der Besitzer hat dann den unteren Teil des Gebäudes mit beim Bau eines neuen Stalles benutzt. Der letzte Dinn steht jetzt noch auf dem Hof des Posthalters Rahlf in Lemkenhafen, doch hat er nicht mehr die ursprüngliche Bauform, wurde umgebaut. Hauptsächlich wurde das Dach verändert. Um 1775 waren in Lemkenhafen noch neun Dinns, die bis auf drei auswärtigen Landbesitzern gehörten. Der sehr typische uralte Sähnsche Dinn am Jafenplatz, der heute im Dorf noch “Söhn Bollwark” genannt wird, wurde um 1901 abgebrochen. Dabei wurden in einem Fundamentloch verschiedene Münzen aus früheren Jahrhunderten gefunden, drei aus dem 15. Jahrhundert. In den fehmarnschen Dörfern gab es keine Dinns, nur auf einigen Großbauernhöfen die sogenannten “Droegehueschens”. Das waren Korndarren zum Bereiten von Braumalz, die sonst allgemein auf den Hausböden oder neben der “Klüterkamer”, in einem besonderen kleineren Hofgebäude eingerichtet waren, meistens mit dem Bauernbackofen zusammen. In der Stadt Burg hatten einige Kaufleute früher kleine Lagerspeicher, die auf dem Lande “de lübschen Böns” genannt wurden und zwar nach dem in Burg geltenden lübschen Recht. Sie waren meisten länger und schmäler als die Dinns - an den Ladeluken mit sogenannten “Blockwinden” verseehen. Die aus Lemkenhafen auslaufenden Segelschiffe brachten hauptsächlich auch Graupen und Grütze nach den nordischen Ländern, insbesondere nach Bergen und Trondhjem in Norwegen oder Haparanda am Bottenbusen. In diesen Städten fand ich urkundliche Belege, sie sich auf fehmarnsche Schiffe bezogen, die hier ein- und ausklariert wurden. Im Jahre 1768 wurden von Fehmarn 49584 Tonnen Gerste ausgefuehrt, 1776 sogar 62536 Tonnen; davon der größte Teil aus Lemkenhafen. Besonders brachte die im Jahre 1787 von dem schon vorhingenannten Kornkaufmann und Schiffsreeder Joachim Rahlff erbaute Grütze- und Graupenmühle einen guten Absatz, die heute unter Kenkmalsschutz gestellt, von der Landesregierung Schleswig-Holstein wieder instand gesetzt wird und als Schenkung in den Besitz des fehmarnschen Museumsvereins übergegangen ist. Sie ist eine der letzten holländischen Segelwindmühlen in Deutschland. Die Windmüllerei liegt auf Fehmarn, wie überall im Sterben. Und der letzte Windmüller, der alte Wiek in Burg, wird nächstens seinen Beruf aufgeben müssen, weil er kein Korn mehr zum mahlen angeliefert bekommt. Dann ist es vorbei mit dem “Hecken”- “Hoch”- und “Halvliens” setzen und dem “Zwicken”. Das waren bei den alten Segelmühlen die verschieden Segelsetzungen an den Mühlenflügeln, bei den verschiedenen Winden und Wettern. Die Müller mußten bei Winddrehungen und Veränderungen aufpassen. Bei ganz starkem Wind wurde nur “zwickt”, an den Mühlenflügeln nur unten, eine kleine Ecke mit Segeltuck bespannt; bei leichtem Wind aber mußte “hoch Lien” gefahren, das ganze Segeltuch voll auf die Flügel gespannt werden. Und der “Paßboom”, mit dem man den Lauf der Mühle bremmste oder lockerte hat dann auch ausgedient. Mit den meistens mit Holzschindeln oder Stroh gedeckten “Griesegraus” ist es zu Ende. So nannte man die Windmühlen früher im Volksmunde und die Eltern gaben ihren Kindern das plattdeutsche Rätsel auf: “Du griese Griesegrau - Du steihst de ganz Nach in Dau. Man glaubte früher allgemein, die Mühlen seien irgendwie
lebendige Wesen, da sie ja Gutes schafften und für die Menschen arbeiteten.
Deshalb gab man den einzelnen Mühlen Namen, wie “griese Jochen, glink Laura,
Rumpelmötten, Jucherhans.” Die Lemkenhafener Mühle von Rahlff wurde um 1848
von alten Leuten im Dorf noch “Jachen Flünk” genannt, eigentlich nach ihrem
Besitzer, der sehr auf dem Posten war und überall herum “wehte”. Mit dem Plattdeutschen Knieschaukelreim ist es nun auch vorbei - einmal weil keine Mühlen mehr da sind und zum anderen, weil es wenig Kinger mehr gibt, die noch plattdeutsch sprechen oder verstehen können - auch den Reim überhaupt nicht mehr kennen: “Hühopp! Na Möhlen!/ Lütt Madde (Matthäus) op den
Föhlen! Die Lemkenhafener Mühle wurde, wie schon erwähnt worden ist, im Jahre 1787 von dem Kornhändler und Schiffsreeder Joachim Rahlff, o 1756 in Gammendorf + 1830 gebaut, der vorher auch den hof NEUHOF angelegt hatte. Die Jahreszahl sieht man heute noch auf dem “Tögbrett” unter dem “Waterhüschen”, d.i. die überdachte Luke unterder Mühlenhaube. Es waren damals glänzende Zeiten auf dem Lande Fehmarn, weil hier viel Weizen und Gerste zu Graupen und Grütze vermahlen und ausgeführt wurde. In Bergen in Norwegen hieß es damals auf der “deutschen Brücke dem dortigen Handelshof mit Hafenkai:” Femersk Gröt smaker söd og er dejlig Föde!” (Die Fehmarnsche Gruütze schmeckt süß und ist ein prächtiges Nahrungsmittel). Die Graupen von der Lemkenhafener Mühle wurden öfters 1 - 2 Pfennig pro Pfund höher bezahlt, als die von anderen Mühlen. Im Frühjahr 1804 segelten acht von Rahlff in Lemkenhafen befrachtete Segelschiffe auf einmal - mit Grütze und Graupen nach Norwegen. Ein aus Neujellingsdorf stammender Schiffer “Serk” konnte im Jahre 1809 an zwei Schiffsladungen mit Grütze vom Kaufmann Rahlff in Lemkenhafen soviel verdienen, dass er sich in der Nähe von Bergen ein Grundstück kaufte, hier ein Haus baute und dort seßhaft wurde. Seine Nachkommen leben heute noch zum Teil in Norwegen. Wie ein Schiffer Meißlahn aus Burg in nachgelassenen Papieren berichtetet, der mit dabei war, als die Lemkenhafener Grützmühle im Oktober 1787 zum ersten Mal in Betrieb gesetzt wurde, standen der Eigentümer Joachim Rahlff und seine junge Frau, eine geborene Thomsen aus Mummendorf mit auf dem “Zwickstell” - dem Muehlenumgang und schenkten den Mühlenzimmerleuten und Müllergesellen Schnaps ein. Und wie es damals nach altem Herkkommen üblich war, warf die Frau die Branntweinflasche dann gegen eine Muehlen-“Rute”, (Flügel) mit den Worten: “Denn mit goden Wind!” Die anderen dabeistehenden finden durch die Zähne an zu flöten. Das sollte nach dem alten Müllerglauben Glück bringen, nicht nur im Betrieb der Mühle, auch fuer alle, die später in derselben arbeiten mußten. Und Glück hat die Familie Rahlff auch mit der Mühle gehabt, jedenfalls solange sich die Müllerei noch lohnte - bis nach 1900. Die ersten 100 Jahre war die Mühle eine richtige Goldgrube. Als Joachim Rahlff im Jahre 1830 starb und die Mühle an seinen Sohn Jürgen vererbte, hatten 5 - 6 Müllergesellen und mehrere Hilfsleute im Winter genug zu tun, die großen Gerstenhaufen zu vermahlen, die von den Bauern angeliefert waren. Wenn im Fühjahr kaum die See eisfrei war, begann das “Einbötern” von Graupen und Grütze mit Fischerbooten nch den Segelschiffen, die draußen auf der Reede, rechts vom “großen Warder” vor Anker lagen. Auf der Mühle wurden angangs nur Grütze und Graupen gemahlen, in vier Schälgängen. Als diese Verarbeitung nach 1840/50 mehr und mehr weniger wurde, stand das Schrotmahlen und Mehlbeuteln an erster Stelle. In den Jahren 1863/64 wurden drei Schälgänge weggenommen und dafür Mahlstein – “Rumpen” eingebaut. Man sieht heute noch in der Mühle, unter dem sogenanten Steinboden, dem zweiten Boden die alte Balkenlage, auf der früher die Schälgänge standen. Der letzte Grützgang wurde erst 1923 vom Müller Serk weggenommen. Die dicken eichenen Ständer- und Balkenhölzer ließ der Erbauer Joachim Rahlff seinerzeit mit eigenen Schiffen aus Pommern mitbringen, das Pappelnholz zum “Paß”, das weich sein mußte, kam aus Svendborg von der Insel Fühnen. Die Umkleidung der Mühle wurde mit Schindelplatten gedeckt, die um 1834 zum größten Teil erneuert wurden, weil ein steifer Nordweststurm ein großes Loch in das “Fell”, die Umkleidung gerissen hatte. Die Schindelplatten wurden damals aus Rostock bezogen, auch ein Partie Weißbuchenholz für die Zähne der großen Kammräder mitgebracht. Diese Angaben stammen aus alten Mühlenbüchern und Schiffsverklarungen. Die Grütz- und Graupenmühle wurde der Grundstock des Rahlffschen Korn- und Holzhandelsgeschäfts in Lemkenhafen, das mit den Jahren dann immer größer und umfangreicher wurde. Die verschiedenen Hölzer wurden vorwiegend aus Finnland oder Ostpreußen bezogen, kleinere Partien, wie schon erwähnt aus Svendborg, Lübeck und Rostock. Nach und nach wurden einige Segelschiffe gebaut oder gekauft, - Speichergebäude und Holzschuppen errichtet. Nordwestlich von Lemkenhafen hatte Joachim Rahlff schon um 1780 von der Lemkenhafener Nachbarschaft, so nannte man früher die Gemeinschaft der Einwohner eines Dorfes einen Teil der gemeinschaftlichen Dorfweiden erworben, hier ein größeres Wohnhaus und zwei Strohdachscheunen gebaut, den Hof “Neuhof” genannt. Er schloß mit der Dorfnachbarschaft einen schriftlichen Vertrafg ab, “daß er und seine Erben den Lemkenhafener Nachbarn und Kuhhaltern zu ewigen Zeiten einen springbaren Bullen für ihre Kühe halten wolle,” was dann auch bis 1959 geschehen ist. Erst dann entstanden Meinungsverschiedenheiten, weil der jetzige Besitzer von Neuhof eine Viehlose Wirtschaft einführte und keinen Deckbullen mehr halten wollte. Der Streit soll von zuständigen Behörden geklärt werden. Die Kuhzahl ist heute in Lemkenhafen ganz bedeutend zurückgegangen, doch bestehen natürlich die nachgebliebenen Kuhhalter darauf, ihr altes Privilegium zu behalten - verlangen also den “springbaren Bollen.” Auch sonst hatten Joachim Rahlff und seine Frau Glück. Ihre 12 Kinder kamen im Leben gut vorwärts, mehrere wurden in Dänmark angesehene Leute. Ihre Nachkommen leben heute noch dort in mehreren Linien, von denen noch berichtetr werden wird. Das A und O der Rahlffschen Familie in Lemkenhafen war immer wieder die Mühle. Geschont wurde sie sie. Sie mußte sich drehen - Sommer und Winter - Tag und Nacht - fast ohne Unterbrechung. Wenn die Müllergesellen einmal bei einem Sturm zuviel Segeltuch Agesetzt@ hatten - dann irgendetwas von oben flog, auch einmal ein Mühlenflügel, mußte das deinen Willen haben. Vier neue Flügel und Kopfstücke lagen ständig neben der Mühle, um eingebaut zu werden, wenn etwas davongeflogen war. Und das Geld fuer vier weitere Flügel lag immer in einem grauen Geldbeutel, der in einer mit Eisenbändern beschlagenen Kiste – “de Schlötenkist” genant, in einer Ecke des “Kontors” stand. Das Geld durfte nur zum Kauf von Mühlenflügeln benutzt werden. Noch um 1890 hielt der Inhaber des Getreidegeschäfts Hans Joachim Ulrich Rahlff an dieser Gewohnheit seiner Vorgänger fest, dieses Geld für die Flügel persönlich nachzuzählen und wieder in den Beutel zu tun. Brachen einmal Mühlenflügel oder Kopfstücke ab, mußten sie so schnell wie möglich ausgewechselt werden. Die Eigentümer konnten nicht sehen wenn die Mühle stillstand, drängten ständig, daß sie wieder in Ordnung gebracht wurde. Die Speicherarbeiter und Holzlagerknechte mußten dann mithelfen, die Schäden zu reparieren. Einmal wurde nachts win Mühlenflügel eingebracht. Da mussten 10 - 12 Speicherleute und ihre Frauen mit Laternen leuchten, damit die Müllergesellen und Zimmerleute bei ihrerr Arbeit genügend sehen konnten. Von dem Besitzer Jürgen Rahlff, o l778 + 1860, wurde noch um 1900 in Lemkenhafen erzählt: “Als er auf dem Sterbelager lag, kam er noch einmal hoch und fragte nach der Mühle, ob sie stillstehe oder gehe? Von den Hausleuten mußte jemand aus der hinteren Tür nach der Mühle sehen, kam zurück und sagte: “Ja Herr - de Möl löppt!” Da drehte der alte Rahlff sich um und schlief zufrieden ein.” Zu seinen Lebzeiten ging die Mühle so gut, daß er seinem Bruder aus Kopenhagen, der sie einal kaufen wollte, die Antwort gab: “De Möl? - De ist nicht to köpen. De bringt jedesmal, wenn de Roden eenmal rundgahn dot een Schilling in.” - - - Im Jahre 1868 hatte ein Müllergeselle an einem Sonntag das Unglück, daß drei Mühlenflügel nacheinander abbrachhen und wegflogen, Da lief er aus Angst vor dem Mühlenherrn aus dem Dienst und verließ die Insel. Als der es hörte, regte er sich aber kaum auf, schickte sofort einen Boten ins Dorf, der mußte in verschiedenen Häusern ansagen:" Mölnrodenunbringen op de Möl! Forts!"- Am nächsten Nachmittag war alles wieder klar. Die Müllergesellen mußte aber in den nächsten Wochen nachholen, was an diesem Sonntag versäumt worden war, bekamen aber einen guten Extralohn für ihre Arbeit. Im Jahre 1875 hatte ein Lemkenhafener Dorfjunge viel Glück,
als er unerlaubterweise die “Zwickstelle” betrat und von einem
Mühlenflügel gestreift wurde. Er flog über die “Wanten”, das Geländer am
Umgang, auf die Erde und blieb im Gras liegen. Zwei Backenzähne mußten daran
glauben auch hatte er einige blutige Schrammen im Gesicht. Sonst aber war ihm
nichts passiert. Von dem alten Müllergesellen Krischan Sander muß ich noch erzählen, der viele Jahre auf der Lemkenhafener Mühle arbeitete. Er war ein schlimmer Zeitgenosse, der noch mehr konnte, als “Wind machen”. Und er konnte auch gewaltig aufschneiden. Wenn er anfing von der Mühle zu erzählen, “drehten sich die Mühlenflügel im Winde”, sagte man su seiner Zeit im Dorfe. Und Krischan erzühlte, allen die es hören wollten und sich ein wenig gruselten auch gerne sein persönliches Erlebnis mit Meister Urian, dem obersten Meister der “Teufel”: AIk wer nachts allen in de Möl un mahl Schrot. Mit mal wör baven in de Kapp (Mühlenhaube) wat gnastern, ramenten un schreen, dat ik meen da de ganz Moel baß utannern. Ik klatter so rasch as ik kunn na baven un wull sehn, wat los wer. - Un wat müß ik sehn? - Dor set doch verraftig de leibhaftig Sathan tvischen de Kammrö fast un schleidert mit rüm, dat sin hoer dorvun stuven dän. Öhr ik mi aver wohrn dä, rak he mi mit sin Stert in Gesicht, dat ik rundümküseln de un hest mi nicht sehn, na de boewers boen (auch Stubbön) genant, auf dem die Packwinden an hölzernen Wellen fest gemacht waren) dalstörch - Dor heff ik je woll=n tiedlang ahn Besinnung legen. - As ik nast wedder to mi kem, stünn de ol Ömer (Onkel) Täs, utn Dörp bi mi - sä aver keen Wort. Von em wör je ümmer vertellt, dat he de Deuvel un sin bös Geister bann kunn. De Möl stünn still. Ömer Täs hölp mi op den Been un tröck mi langsam de Steenrad- un de Steenbön dal, bit na de “Svipp” d.i. der untere Mühlenraum mit der Bodentreppe, ueber deren dritte Stufe die durchreisendenfremden Müllergesellen früher Asvippten@, von vorne ihren einfachen Wanderstock durchsteckten und anschließend dem Müllermeister den traditionellen Müllerzunft- Gruß: “Glück auf!” zusprachen. Dor drück he mi een Mus in Hand un schwiester mi to: “De schmiet nast in rump, wenn Du wedder an to mahln fangst. Aver’n Stuenn müß Du woll täuven! Sünst dögt dat Spillwark nicht!” Denn güngn he ut de Dör - na de düster Nach rin. --- Ik mak dat so as he seggt har un täuv een Stünn. Denn let ik de Paß los un schmet de Mus in Rump, as ik de örst Sack engeeten dä. Do wör dat in de Möl juchen un fleiten un huln un brumm, dat mi schier de Hor to Barg stahn dän. Un dörch de Böns weih een Toch un Wind, dat ik mi an Stänner fastholn müß, üm nicht na buten ruttofleegen. - Dat dur aver man Ogenblick - denn lep de Möl wedder sin ol Gang. - Anner Morgen wer ik je neelig un kiek baven in de Kapp na. Dor wer wieder nix to sehn, as dat Meister Urian (the devil) sin Steertenquast mank de Kammröd hängen dä. De heff ik mitnahm un nast ümmer as Widdelquast bruk. Man kreeg dor malsovel mit witt, as mit een gewöhnlich Quast. Hm- ja - so wer dat!” - - “Denn tröck Krischan an de Piep, dat de schnurken un gnastern dä. Un he sülwen söh dor denn so troschüllig bi ut, as wenn he sin Vertelln örst in de letz Nacht belevt har, blot mal sin Hart lichter maken wull. Dat glück em je ümmer, dat he mit sin Speukelgeschichten Lüd bangn maken dä, meist natürlich de Frunslüd. Achterher grien he denn as sunn Botterlicker in Rohmkeller, wenn he de Lüd dat ophalst har.” Die letzte Betrachtung fügte sein Mühlenhelfer “Lüttje Krist” hinzu, der aus “Treuenbrietzen a.d. Oder” stammte, als “Monarch” nach Fehmarn verschlagen und hier sitzen geblieben war. Im Jahre 1909 übernahm der Windmüller “Serk” die Mühle, der aus einer alt-fehmarnschen Müller Familie stammte. Aber die Zeiten wurden für die Müller immer schlechter, bis es jetzt - 1960 ganz vorbei ist mit der Müllerei. Was jetzt noch nachgeblieben ist, dort in Lemkenhafen ist ein Ausflugsziel für interessierte fremde Besucher Fehmarns geworden! - - Lemkenhafen war viele Jahrhunderte hindurch mit der bedeutendste Handelsplatz auf Fehmarn. Im Jahre 1680 wurden den dortigen Schiffern von der dänischen Regierung 15 Schiffe zu je 20 Lasten zugestanden. Eine Last Korn war ca. 24 - eine Last Kalk ca. 12 Tonnen, die Tonne landläufig Atein fehmarnsch@ genannt. Eine fehmarnsche Tonne wurde 220 Pfund gerechnet, als “tvee tvintig fehmersch” bezeichnet. Viele fehmarnsche Segelschiffe wurden auf Lübecker oder Neustädter Werften gebaut, einige in Svendborg auf Fühnen. So ließen die Schiffer Claus Roge und Hans Thiele aus Lemkenhafen im Jahre 1714 ihre Sschuten “Sankt Nikolaus” und “Die Hoffnung”, Claus Koeß das Gallioth Schiff “Der fliegende Jakob” in Neustadt von Stapel laufen. Wie die Bauern und Hauseigentuemer in den Dörfern ihre Haus- und Hofmarken hatten, führten die Schiffer Schiffsmarken, plattdeutsch “Karrteeken” genannt, die den Hausmarken ähnlich sahen und im Schiffsbalken eingekerbt waren. In einer Rostocker Urkunde aus dem Jahre 1587 heißt es: “Is ok Hanß Stuiken uth de lemmekinhauen uppe vemeren by Uns in de slöte (Gefängnis) gequamen, hefft drunkhafftige wyse Unseren schipper Remebolden dyne schepe marke voruneret, dar op gespygen unde gelestert, dath eynem erliken schipper nicht tho gunnen unde tho vorantwerden is." Im Jahre 1771 Kaufte ein Lemkenhafener Schiffer zwei fehmarnsche Bauernhöfe von 39 und 45 Drömtsaat (altes fehmarnsches Landmaß - nach der Bonität der Aecker berechnet, doch ungefähr gleich mit einem heutigen Hektar) auf einmal und legte den Kaufpreis baar auf den Tisch. Die Zeiten waren damals besonders gut; so konnten sich oftmals Seefahrer derartige Landkäufe leisten. Die Geldbeutel und Münzbarren, die der vorhin erwähnte Schiffer zum Landkauf benötigte, wurden vorher einige Tage in einem Lemkenhafener Dinn aufbewahrt. Der Eigentümer des Dinns stellte dem Schiffer bei der Wiederherausgabe eine Bestandsbescheinigung aus, diedieser mit seiner Unterschrift und wie damals oft üblich, auch “med syn egen handt”, di.i. seine Schiffsmarke bestätigte. Ein "Dinner" mußte als Zeuge mit unterschreiben. Um die Beutel und Barren am 10. Dezember, dem früheren fehmarnschen Aumschlagstag”, an dem alle hiesigen Geldgeschäfte getätigt wurden, zu fahren, mußte der Schiffer einen vierspännigen Bauernwagen heuern. Die fehmarnschen Landwege waren in den Jahren aber unglaublich holperig und ausgefahren, in den Wintermonaten kaum passierbar. Und so konnte es geschehen, daß die Geldfuhre bei dem Dorfe Sartjendorf im Straßendreck stecken blieb und ein Sartjendorfer Bauer Vorspann liefern mußte. Noch 100 Jahre später ging in Landkirchen und Umgegend immer noch im Volksmund ein alter Schnack: “Dor - heppt sik mal wilk mit Geld fastföhrt!” Für seine Tochter ließ der Schiffer im gleichen Jahre drei kostbare Seidenkleider aus Kopenhagen mitbringen, die mit feinstem Goldbrokat und sogenannten “Püntersternen”, d.i. in verschiedenen Farben glänzenden Perlen verziert waren. Sie sollte so schön gehen, als die dänischen Prinzessinnen renommierte der Vater in Bekanntenkreisen herum. Darum waren die Kleider auch bei sochen Kopenhagener Schneiderinnen gemacht worden, die mit am dortigen königlichen Hof arbeiteten. Für seinen Sohn ruestete der Schiffer im Frühjahr 1772 eine Hochzeit aus, wie eine solche bis dahin wohl selten auf Fehmarn gehalten worden war. Sie brachte ihn “wegen hohen Auffwandes” mit den damals von der Obrigkeit erlassenen “Prunkgesetzen” in Konflikt, auch “Prunk-Schatt” genannt. Er mußte eine nicht unerhebliche Brüche bezahlen. Ein anderer Schiffer ließ sich im Jahre 1774 ein neues Schiff bauen, obgleich er 1771 erst ein solches ausgerüstet hatte. Weil ihm an der Takelage irgendetwas nicht paßte, schenkte er es seinem Schwiegersohn zur Hochzeit und ließ dann das neue, ihm besser gefallende bauen. Derselbe Reeder besaß damals Speicher in Lübeck und Trondhjem, in denen fehmarnsche Grütze und Graupen gelagert wurden, um damit zu spekulieren. Im mittelsten Kirchspiel war dieser Schiffer der Kreditor von mindestens zehn Bauern, auch mehreren Insten und Arbeitsleuten. Wenn Lemkenhafener Schiffe damals in Mecklenburger Häfen einliefen, sagte man in dortigen Hafenwirtschaften und am Kai: “Dor kümmt een riek Grüttschipper von Fehmarn binn!” Und in Kopenhagen sagten die “Anbinder”, die die Schiffe am Bollwerk festmachten, manchmal im Scherz zu den Schiffsbesatzungen, die aus Lemkenhafen kamen: "Köbenhavn- Fredrikshavn- und Lemkenhavn-Sejler med Gavn!" d.h. "Kopenhagen- Fredrikshafen und Lemkenhafen segln zu ihrem Nutzen oder Verteil!" Das Jahr 1800 war ein besonders gutes für die Lemkenhafener Schiffer und Seeleute. Nach einem recht strengen Winter wurde die Sommersaat erst Anfang Juni bestellt, die Ernte Mitte Oktober beende. Da stieg der Kornpreis auf 15 Mark und 8 Schillinge; es mußte Getreide eingeführt werden. Infolgedessen hatten die Seefahrer viel zu tun. Man sprach in den hiesigen Dörfern noch viele Jahre von "de Lempenhavener ehr got Johr." Viele seefahrerfamilien ließen damals "de Kasten dampen” - ihre Wohnungen neu “aufmontieren” und alle möglichen “netten” Sachen aus dem Auslande mitbringen. Kaufmann Rahlff aber war ein weitblickender Mann, der fuer die Zukunft sorgte, ließ in seiner Grützmühle einen neuen Schälgang einbauen, der in damaliger Zeit etwas ganz "modernes" darstellte. Die Seefahrt und die Fischrei waren fuer die Einwohner dieses Dorfes - alt und jung, immer das A und das O. “Bi uns in Dörp schmeckt allns na sollt Water un Bütt” sagten die dortigen Seeleute früher. Wenn jemand sie über den Löffel balbieren wollte, sagte man im Dorfe- “mütt he mit Büttwater döfft warn!” - Als der Vollmatrose Hannes Detlev aus Lemkenhafen einmal vor gut 100 Jahren im Hamburger Hafenviertel “in de Kniep” kam und zwei Prandalierende “Kakkadores” - herum strolchende spanische Seeleute ihn mit südländischem Temperament “einen Kopf kürzer machen wollten, stellte er sich mit dem Rücken in eine Schenkstubenecke, zeigte den beiden “Zigeunern” seine derben Fäuste und brüllte sie an: "Von Liev! Uller dot!” - Ik bünn ut Lempenhaven!" Waren es die großen Waschhölzer, seine Fäuste oder das ungewöhnliche laute und rauhre Rohren, daß die beiden Spaniolen zurückhielt, das ist niemals aufgeklärt worden. Jedenfalls strichen sie auffallend schnee die Flaage und wurden nich mehr gesehen. Der alte Lemkenhafener Schifferschnack hatte sich wieder einmal bewährt: “Baß Wort höllt Kerls von Liev!” Das war schon früher einmal vorgekommen, als im Jahre 1743 ein Schiffszimmermann “Aake Tjerning” aus Marstall von der Insel Aeroe in Lemkenhafen eine Bootswerft bauen wollte. Die Werftbesitzer in Lübeck und Neustadt, wie der Magistrat der Stadt Burg liefen aber Sturm gegen diesen Plan und er wurde vereitelt , obgleich sich die Reeder des mittelsten und Westerkirchspiels sehr energisch für den Marstaller Bootsbauer einsetzten. - Die Verhandlungen wurden teilweise im Burger Schifferhaus geführt. Dabei gerieten sich drei Lemkenhafener Einwohner, als Vertreter ihres Dorfes mit Mitgliedern des Burger Magistrats in die Haare. Es kam zu reichlich stürmischen Auseinandersetzungen. Die Lemkenhafener traten den Burgern recht hartnäckig entgegen. Als sie mit ihren Vorderungen nicht durchkamen, schlug einer von den Lemkenhafener Schiffern vor einem Burger Ratsverwandten auf den Tisch und schrie ihn an: “Noch een Wort - un ik schmiet Di utn Fenster!” Da blieb dem Verhandlungsleiter, dem Kämmerer des mittelsten Kirchspiels, nicht anderes übrig, als die Versammlung zu schließen. (Aus Schiffahrtsakten des mittelsten Kirchspiels, 1740 - 50). Das Schiffer- und Fischerdorf Lemkenhafen hat manchen tüchtigen Jungen als Fahrensmann in die weite Welt gesandt, die sich da draußen den Wind um die Ohren wehen ließen und ihren Mann standen. Doch nicht nur Seeleute, auch andere vorwärtsstrebende Fehmeraner sind hielr geboren, darunter der nordamerikanische Bankpresident Ferdinand Wilhelm Lafrenz, der drüben, “in Gottes eigenem Land” ein Plattdeutscher Dichter war. Ferdinand Wilhelm Lafrenz (25. März 1859 + 1958 ?) Bei seinem Onkel in Gollendorf groß geworden und als Hütejunge hinter dessen Rinder und Schafe hertrabend, ging er 1873 nach Amerika, wo er zunächst in Chikago Banklehrling wurde, aber auch Gelegenheit hatte sich in der Kaufmannsllehre auszubilden. Er besuchte die “Bryan Stratton - Handelschule, an der er später selbst Handelslehrer wurde. In seinen Freistunden betätigte er sich als Mitarbeiter bei hoch- und plattdeutschen Zeitungen in Nordamerika. Im Jahre 1881 gab er eine plattdeutsche Gedichtsammlung, mit dem Titel “Nordische Klänge” heraus, die in Amerika beifällig aufgenommen wurde. Es war in den Vereinigten Staaten das erste plattdeutsche Buch, das herausgegeben wurde. Und kein Geringerer, als der plattdeutsche Dichter “Klaus Groth” gab dem Buch am 4. Nov. 1881, von seiner “Kajüte” aus, seiner Wohnung am Schwanenweg in Kiel, ein warmherziges Geleitwort mit auf den Weg, indem er sich an Fehmarn und seinen dortigen Aufenthalt in den Jahren 1847 - 52 erinnerte und dem amerikanischen Dichter wünschte: “Mag sin Bok sin, as Nawersch Lafrentz (das war Groths Nachbarin in Landkirchen auf Fehmarn gewesen) Vörjaohrsgav: as frisch Grasmelk un söt Grasbotter mit Summerduft un Heimatluft.” Lafrentz schrieb in seinen “Nordischen Klängen” in Versform von seinen Jugenderinnerungen, doch auch Döntjes und “Vertelln”. Er gab später noch einige Bücher mehr heraus, teilweise in englische Sprache. Von Chicago verzo er mit seiner Familie nach dem Staate Utah, wurde Rechtsanwalt und später Präsident der “Surety- Compagnie in NY - dabei ein sehr reicher Mann. Er starb in Long Island. - Zweimal besuchte er seine alte Heimat Fehmarn wieder - auch 1932. Ich habe nach dieser Zeit viele Jahre mit ihm angeregt in plattdeutscher Sprache korrespondiert - Als das alte Matthäus Wiepertsche Wohnhaus in Niendorf im Jahre 1919 bgebrochen wurde, kaufte F.W. Lafrentz einige Ständer und Balken mit Schnitzereien von der Vorderfront auf, ließ sie als Andenken an seine fehmarnsche Heimat in seinem Garten in Long Island wieder aufbauen. Ein in Schiffahrtskreisen hochgeachteter Mann war auch der Kapitän Georg Wilhelm Kroß aus Lemkenhafen, der dort am 9.Aug.1818 als Sohn des Schiffers und Bootsführers Joachim Kroß und seiner Frau Anna Gertrude, geborene Schau, geboren wurde, am 19. Juni 1910 in Burg starb. Er gab in der “Sammlung für Meereskunde” unter dem Titel: “Die Fahrten eines deutschen Seemanns um die Mitte des 19ten Jahrhunderts” seine interessante Lebensgeschichte heraus, die uns zeigt, was Segelschiffsfahrten nach aller Herren Länder früher bedeutet haben. Hauptsüchlich erlebte “Käppen Kroß” auf seinen Fahrten an der chinesischen Küste manche Abenteuer. Als er sich später in der Heimat zur Ruhe gesetzt hatte, wurden seine Ratschläge und Erfahrungen in fehmarnschen Seefahrerkreisen immer hoch gewertet. Käppen Wilken aus Lemkenhafen, o dort 1804 mußte auch ein großer Abenteurer genannt werden, der sich in den entfertesten Ecken und Winkeln der Welt herumgetrieben hatte, u.a. in Kapstadt einmal zwei englische Schiffsreeder so vertobackte, daß sie nicht gehen und stehen kkonnten. Die Folge war, daß er später südafrikanischen und englischen Häfen aus dem Wege gehen mußte. Darum wurde sein Fahrensbereich dann hauptsächlich das nördliche Eismeer und die Gewässer um Island und Schottland herum, in denen er zuletzt wie in der heimatlichen Ostsee zu Hause war. Wenn er in seinen alten Tagen an der Lemkenhafener Schiffermesse teilnahm, von der noch gesprochen wird und die alten Seebären ins Gröhlen kamen, was sie “Schipperstank” nannten, haenselte man den “Nordpolschipper”, wie Käppen Wilken allgemein genannt wurde mit folgendem Sang, den er manchmal selbst mitbrummeltel, wenn er bei guter Laune war und ihn sein Nervus ischiakicus (Ischiasnerv) nicht quälte: “Käppen Wilken seggt he - dat ist dol - seggt he - Käppen Wilken hatte nämlich selten ein Mütze auf. Wenn der Vers gesungen war, setzte er sich recht bequem in einem extra für ihn hingesetzten Lehstuhl zurecht und trank seinen Grog aus, der mindestens aus 80% gutem Rum und möglichst wenig Wasser bestand, aber heiß sein mußte. Die Wirtin wußte Bescheid, kochte den Rum für drei ihrer Gäste, die sie ihre “Tittkinner” nannte. Käppen Wilken gebrauchte nämlich beim Trinken oft einen alltäglichen Schnack: “Kinner drink Titt!” Er war aber auch immer spendabel. Wenn der “Nordpol-Song” zu Ende war, rief er meistens den Wirt, peilte über den Daumen, indem er ihn hochhob und knurrte: “Noch eenmal rundüm!” d.h. “Einen Rundgang auf meine Rechnung!” Wenn sein Widersache da war, der Käppen Spangenberg aus Burg, ging der Schnack so weiter: “Segg mal Käppen Wilken - wodenni wer dat noch mit de Nordpol?” Dann antwortete Wilken sehr lebhaft und sah sehr treuherzig dabei aus: “De harn se dor inrammt, as een Schürpahl opn Grasweid - för de Ossen. He wer uns denn in Wegen - un ik stür ümmer bots op em to. “Speet in de Füst!” sä ik to min Sheslüd > “nu heiht dat los!” Un denn knalln wi mit vull Wucht gegen de Iesbarg - gegen de Nordpol an - un - - “Wat passeer denn?” fragte Käppen Spangenberg mit ernsthaftem Gesicht. "Denn" antwortete Wilcken und machte ein sehr trauriges Gesicht – “kem de ganze Seefohrt in Schleidern un de Eer füngn an to wackeln - un dat Ies kreg uns in de Spangu (ins Gedränge) un schöv na uns Kajuet rin. Do rep ik, all wat ik kunn, na de Schmutje (Koch), he schull op de Steed mit Grogwater kam, Dat dä he denn uk - un güngn rascher as in düß Schipperkrog hier. - Un denn störrn wi mit de Iesbarg an. - De wör schmöllten- - un - “Richtig schmöllten?” fragte Spangenberg nach und die anderen, die schon Bescheid wußten konnten sich kaum das Lachen verbeißen. Die den Schluß aber noch nicht gehört hatten, waren sehr gespannt, was nun weiter kommen würde, hingen neugierig an Käppen Wilkens Lippen. Der trank einen tiefen Schluck - dann meinte er sehr deutlich werden: “ Ja, richtig schmöllten - Döskopp! Wat sünst denn? - Aver as he schmöllt wer, heppt we dorn=n Pahl op de Nordpol dalschloge mit een höllten Tafel an- un doer opschreven - - - “Wat heppt Ji dor opschreven?” fragte Käppen Spangenberg nach und machte dabei ein erwartungsvolles Gesicht. - Käppen Wilken wischte sich mit der Hand über den Mund und setzte zum letzten “Wind” an: “Dor wo de Iesbarg stahn dä un dat Ies uns inklemmt har, heppt wi mit Kriet op de Tafel schreven: “Hier hett freuher de Spangenbarg stahn - de ist bi all sin Klokschieten un Nafrogen ünnergahn! – Prost!” - - Dann fingen alle Anwesenden über Käppen Wilkes Seemannsgarnspinnen an zu lachen und freuten sich königlich über seine Geschichte. Der Wirt mußte die Gläser füllen - und es wurde weiter gelogen, daß sich manchmal die Balken bogen. Deshalb war in der früheren Lemkenhafener Krugstube in einer Ecke auch ein krummer Balken aus Eichenholz angebracht, der sollte ursprünglich grade gewesen sein, wie der Wirt behauptete. Aber von dem vielen lügen und Garnspinnen der Seeleute sei er mit den Jahren krumm gebogen. Und so wurde er nicht anders als “de Lögenbalken” genannt. Sie kannten sich alle, die alten Fahrensleute und wußten genau, was sie von einander zu halten hatten. Keiner nahm dem andern etwas übel, wenn sie einmal im Dorfkrug herumsaßen und von ihren vielen Erlebnissen palaverten. Wenn sie sich nachher auf den Heimweg machten, fümmelten die meisten von ihnen einen dicken “Prüntje” aus der Roch- oder Westentasche, der konnte machmal mit dem abgerissenen Ende eines Schiffstampen verwechselt werden. Jedenfalls war der von Käppen Wilken “nicht vel dünner, as de Burn ehr Achterreepen” erzählte mir mein alter Gewährsmann aus Lemkenhafen, der ihn als Schuljunge noch gekannt hatte. Und wenn der ins Klöhnen kam, erzählte er auch die etwas tragische Geschichte, des um 1842 auf See gebliebenen Schiffers Maas einem Vorfahren der Kaufmannsfamilie Ettler (Edler) in Burg. “Der hatte durchaus keine Lust im Garten zu arbeiten. Wenn er aber im Spätherbst und Winter zu Hause war, quarkte seine bessere Hälfte dauernd mit ihm herum, daß er den Hausgarten umgraben müsse usw. Dann fing der Schiffer zuletzt an, war aber sehr verdreßelich dabei. Sobald “sie” aber den Rücken gewendet hatte, ließ er den Spaten stehen und ging in die Nachbarschaft oder zum Hafen. Das gab hinterher immer Streit. Die Frau schimpfte solange, bis der Schiffer wieder gewaltig knurrend an zu graben fing. Diese Arbeit war ihm wirklich ein Greuel - aber seine Frau sah das nicht ein. Und es war auch so, daß er mit der Gartengraberei nie ganz zu Ende kam, immer ein Stück Land liegen blieb. Seiner Frau sagte er, solange er den Garten nicht ganz fertiggraben wuerde, kaeme er ganz gewiß auch immer wieder glücklich von der Seefahrt zurück. Sie war wohl ein wenig abergläubisch und ließ ihn dann gewähren, wenn er das letzte Stück nicht umgrub. Nach einigen Jahren hatte sie es aber wieder vergessen, ging das Mahnen und “Putten” wieder los. Da bekam Schiffer Maas es satt, machte den Garten im Winter ganz fertig. - Das Unglück lauerte scheinbar schon. Auf der nächsten Seereise ging Kapitän Maas mit seinem Schiff “Fehmarn” und der ganzen Besatzung unter. Da ist seine Frau später immer im Dorfe herumgelaufen und hat den Nachbarinnen ihr Leid geklagt: “Har he doch man blot nicht de ganz Gorn ümgrav - denn har he hüt noch lev!” - - Bis zum Jahre 1872 hielten die Fehmarnschen Schiffer und Steuerleute mit ihren Angehörigen alljährlich am Lichtmeßtage, dem 2. Februar in dem Lemkenhafener Dorfkrug all jährlich am Lichtmesstage, dem 2. Februar in dem Lemkenhafener Dorfkrug ihre “Schiffermesse” ab, auf der es immer recht vergnügt zuging. An diesem Tage wurden auch die Schiffsbesatzungen angeheuert, die Matrosen, “Schmutjes” und “Jungen”, denn bald nachher ging es auf die erste Ausreise. Auf der “Schippermett” gab es abends “Labskaus”, das bekannte Seemansgericht und “Jonasgrütt” zu essen. Das war eine dicke Gerstengrütze mit eingeschnittenen Herz- ,Lungen- und Magenteilen vom Rind oder Schwein, angesäuert und mehr oder minder stark gepfeffert. Nach der Mahlzeit wurde auch gesungen und getanzt und - wie es in einer überlieferten Urkunde heißt, auch “erheblich” getrunken. Dann kamen viele alte Seemanslieder zum “aussingen” u.a. vom “Moses (Schiffsjungen) der im Kabelrat sass oder dem Sschmuetje, den man beim Ballastwerfen nicht vor den Bauch stoßen durfte, weil er dann mindestens acht Tage lang fuer die Schiffsbesatzung “Judensauß” anrührte, einen wässerigen Mehlkleister und den auf dem salzigen Meer noch versalzen. Oft wurde auch ein alter Schiffertanz getanzt, der vom “Seilen "Schipper wullt Du seilen ?- So seiler Du med mei! Beim Trinken hänselten sich die Fahrensleute mit ihren “Partenschluckers”, die miteingeladenen Bauern und Geldleute, die einen “Part” oder mehrere (Aktien) mit in den Schiffen hatten- mit einem alten Spiel, das “Schürn un Klöven” genannt wurde. Zwei Partner tranken aus einem Glas. War dieses vollgeschenkt, meistens mit Branntwein, fragte der älteste “Trink-Kumpan” den gegenübersitzenden: “Schürn uller Klöven?” Antwortete der: “Schürn”, trank der Fragende den ganzen Schnaps aus und scheuerte dann das Glas mit seinem Daumen bodenrein. Sagte der Angesprochene aber “Klöven”, halbierten beide Zecher und trank jeder die Hälfte. War das Glas leer, hielt der Zecher, der zuerst getrunken hatte es auf dem Kopf und ließ die letzten Tropfen auslaufen. Man nannte das “drüppeln”. Beim nächsten Glas hatte der zuerst angesprochene Zechkumpen “dat Wort” - mußte einen Schnaps ausgeben. Um 1860 ging es einmal sehr lustig auf der “Schiffermett” zu. Ein Lemkenhafener Schiffer hatte gerade sein “Schwein bluten lassen”. Die Wuerste hingen schön aufgereiht in seiner Küche. Das hatte wohl jemand von den Nachbarn gesehen, es auf dem Fest erzählt. Da machten einige Bekannte des Schiffers ssich auf dem Wege, fierten die Würste mit einem Soothaaken durch das “Götloch” (Ausguß) aus der Küche heraus, ließen sie vom Herbergswirt zurechtmachen und wurden sie in der Schiffermesse verzehrt. Das Essen wurde von dem Schiffer “Saß” aus Landkirchen mit einer humorvollen und blumenreichen Ansprache eingeleitet. Es schmeckte allen Beteiligten sehr gut, vor allen aber auch dem nichts-ahnenden Schlachtherrn und seiner Ehefrau – “weil es ein edler Spender in brüderlicher Liebe traktieret hat” - meinte der Redner. Als die gefoppten Eheleute später nach Hause kamen, merkten sie sehr schnell, was man heute abend mit ihnen in der Schiffermesse angestellt hatte. Sie machten aber gute Miene zu dem Spiel, ließen sich nichts merken, obgleich einige neugierige Fest-Teilnehmer ihnen nachgegangen waren und lauschten, was sie wohl sagen wuerden. Die kamen also nicht auf ihre Kosten, weil das Ehepaar so tat, als wenn nichts vorgefallen wäre. Später wurde diese Sache aber eines Tages unter den Schiffern “bereinigt”, als mehrere, der am Wurstessen in Lemkenhafen beteiligten, zufällig in Riga zusammensaßen. Da wurde gewaltig “geschmettert”. Der seinerzeit geschädigte Schiffer nahm die Angelegenheit auch jetzt noch, mit Humor auf. Und selten hat die Besatzung eines fehmarnschen Schiffes ihren “Käppen” wohl so blau gesehen, als in dieser Nacht, als er von seinen Schiffer-Bruedern in die Koje bugsiert wurde und dauernd von weggefressenen Würsten faselte. Aber auch einer von den “Lotsen” konnte seine Koje nicht richtig anpeilen. Er kroch aus Versehen ins Kabelgat hinein, geriet dort in Streit mit der Schiffskatze, die hier vor einigen Tagen Mutter geworden war. Die fauchte den “Oln” gewaltig an, kratzte ihm die Nase blutig, als er im Katzennest hin und herkroch. Diese Vorfälle wurden nachher in fehmarnschen Schifferkreisen viel belacht. Noch 1895 wurde davon gesprochen, wenn die Fahrensleute in der Burger Schifferstube (heute Kaiserhof) beim Grog zusammensaßen und “den untersten Schiffsboden gründlich ausklönten” d.h. sich die letzten Geheimnisse ihrer Erlebnisse erzählten. Heute gibt es kaum noch Seeleute im “Haven”, wie Lemkenhafen früher meinstens im Volsmund genannt wurde, die noch mit auf großer Fahrt waren. Max Johannsen ist noch einer, der von San Franzisko aus im Beringsmeer den Walfischen mit der alten Fangmethode, der geworfenen Harpune zu Leibe ging. Er weiß noch mehr davon, als er erzählt. - Mit seinem “Fellow” Korl Ehler aus Burg kann er nun auch nicht mehr zusammenkommen, der hinter Novaja Semlja und im sibirischen Eismeer den Wal “killerte”. Der ist auch auf die letzte Reise gegangen - singt nur hinter der grauen Wolkendecke das alte Seemanslied mit: “Blow boys, blow, for Californio! - there is plenty of gold, so I am told, on the banks of Sacramento – mento!” Ja - die Schiffermessen in Lemkenhafen hatten es früher an sich und in sich, die Menschen anzudrehen und oft umzudrehen. Da kehrte sogar der plattdeutsche Dickter Kleus Groth im Jahre 1850 mit dem alten Schiffer Saß aus Landkirchen auf einen kleinen kurzen Schluck mit ein, denn er war ein Mann, der wissen mußte, was hier und dorten dahinter steckte. Und außerdem - Lemkenhafen hatte ihn schon früher angezogen. Hier hatte er sogar das Motiv zu einem seiner Quickborn-Lieder gefunden, als er einmal für den Hausstand seines Freundes Leohard Selle, dem Organisten in Landkirchen, Fische besorgen sollte. Da strickte vor ihrem Elternhaus eine gut-aussehende Schifferstochter Anna J.... Wollstrümpfe, lange “Hasen”, wie man sie hier früher nannte. Klaus Groth sprach sie an, doch war sie sehr zurückhaltend. Sie war sich wohl ihres guten/Aussehens bewußt, hatte auch verschiedene Verehrer und es darum kaum nötig, sich unbekannten Männern gegenueber besonders freundlich zu zeigen. Ihre heimlich Liebe war auf See, das wußten nicht einmal ihre Eltern und Geschwister. Klaus Groth war von ihrer Anmut und natürlichen Schönheit begeistert, sprach Mittags beim Essen mit Leonard Selle über sie. Und in der folgenden Nacht schrieb er dann oben in der Giebelstube das plattdeutsche Gesicht: “Schön Anna stunn vaer Stratendör/De Fischer gungn vorbi. Schön Anna knüttst Du blaue Strümp? - De Blauen Strümp, de knüttst du / woll för mi? usw.” Vier Wochen später überreichte der Dichter sein Gedicht dem schönen Mädchen in Lemkenhafen. Sie wußte nicht recht, wie sie sich dazu stellen sollte, gab eine kurze, fast unfreundliche Antwort; da war Groth etwas enttäuscht. Anna J. War noch zu jung, um eine derartige Aufmerksamkeit zu verstehen, die ja nicht landesüblich war. Sie nahm das Dedicht aber an. Erst später wurde ihr klar, daß der hagere blasse fremde Mann aus dem Organistenhause in Landkirchen ihr eine hohe Ehre antun wollte. Da bewahrte sie seine Verse noch viele Jahre auf. Es gab schon im Mittelalter an unseren Küsten den alten Volksglauben, daß junge Mädchen, die sich Morgens im kalten Seewasser wuschen und hinterher mit Dorschrogenfett einrieben, eine glänzende Haut bekamen und gut aussahen. Das wird zwar nicht immer so gewesen sein, aber wenn man die alte Ansicht auf Lemkenhafen bezieht, war es dort nicht selten so. Im Jahre 1776 schrieb ein dänischer Conferenzrat Oelgaard in einem, mir 1922 von seiner Familie in Kopenhagen zur Verfügung gestellten Privatbrief an seinen Bruder, “daß er überrascht gewesen von der Anmut und Zierlichkeit der Jungfrauen in diesem Orte Lemmekenhaven.” Wenn die recht nett gekleideten Lemkenhafner Schiffertöchter um 1830/40 zum fehmarnschen Markt in Burg kamen, wurden sie von den Burger Handwerkern und Kaufleuten mit “Demoiselle” angesprochen, wie es damals in den sogenannten “besseren Ständen”, auf den Gutshöfen und in den Städten üblich war. Sie hörten es natürlich gerne und waren stolz darauf, gingen dann noch “petüder”, d.i. großpuriger durch die Marktgassen. Und sie hatte schon recht, die hübsche Liene aus der
“Kapitänsstraße in Lemkenhafen, wenn sie einem Großbauernsohn “vom Lande”,
der sie abends nach Hause fahren wollte, die schippische Antwort gab: “Na Hus
föhrn? - Püch!- Ik lat mi na Hus segeln!” Das wurde auch so. Sie hatte sich nähmlich einen gut situierten Heiligenhafener Reedersohn angelacht, der holte sie gegen Morgen am “Hundegat”, dem früheren Burgstaakener Hafenlauf mit seinem flinksegelnden Boot ab, segelte sie “in Lemkenhafen vor- und segelte später, von Flensburg aus, sogar mit ihn in den Hafen der Ehe hinein. - Ein Preußischer Unteroffizier aber, schrieb im Jahre 1864 als der Hauptmann von Mellenthin die Insel Fehmarn mit seiner Kompagnie eingenommen hatte an seine Eltern in Soldin in Brandenburg, “daß in Lemkenhafen, wo er zur Zeit im Quartier liege, weitaus die hübschesten Mädchen auf der Insel Fehmarn anzutre3ffen seien. Und es sei garnicht ausgeschlossen, daß er sich in eine gutaussehende Schifferstochter verlieben würde. Ja er dichtete sogar eine ganze Reihe von “lieblichen” Versen, in denen er die Niedlichkeit der Lemkenhafener Dorfschönen gewaltig verherrlichte. Seine Reime waren ein Beweis, wie sogar die militärisch gedrillten Preußen “im höheren Stil” schwärmen konnten. Der Haupterwerbzweig der Lemkenhafener Einwohner war früher neben der Schiffahrt die Fischerei, vorwiegend der Dorsch-, Klippfisch’, Hornfisch und Aalfang. Die Klippfische wurden zum Teil an der Sonne gedörrt, nach einem Verfahren, das hier nicht mehr bekannt ist, auf Island aber noch geübt wird. Bei Fehmarn war auch früher das sogenannte “Bütt perrn” üblich, das vorwiegend von den Jungens gemacht wurde, sehr viel in der Lemkenhafener und Orther Bucht. An einem ca. Ein Meter langem Stock wurde ein schmiedeeiserner Nagel befestigt, dessn Spitze breitgeschlagen war. Die Jungens stachen mit dem Nagel nach den im Sand liegenden Butten, um sie hinter totzutreten. Bei den Gold-, Magrethen, Struk- und Schietbutten soll das einigermaßen geklappt haben, die Steinbutten hielten aber weniger still, wichen meistens aus. Die Lemkenhafener Einwohner verstanden früher auch den Enten-j und See-Vogelfang gut, waren noch im 18. Jahrhundert mit dem mittelalterlichen “iesgliepen” vertraut. Wenn die Eis-Enten Arten, hier zusammengefaßt moistens “Kloshahnken” genannt, ermattet auf dem Eise lagen, das teilweise noch recht duenn war, schleuderte man geschickt eine Bleikugel nach ihnen, die war an einer langen Schnur befestigt, die der “Glieper- an einem kurzen Holdgriff in der Hand hielt. Die Kugel wurde “flutsch”, d.h. von unten- in geringer höhe über die Eisfläche fliegend- geworfen, daß sie das letzte Ende “trünnelte” und meistens 2 - 3 Eisvögel streifte, bewußtlos machte oder sofort tötete. Das Herausfischen war schwierig, mit großen Gefahren verbunden. Man versuchte es mit langen Stöcken und Staken vom Eise aus oder mit einer Leine, benutzte aber auch “Gliepschleden” aus Holz, die man einem Boote ähnlich zurechtgezimmert hatte hatte und in noch offene Eiswaken gleiten ließ. Auf jedem Schlitten saß ein Junge, der das eine Ende des “Striekertaus” in der Hand hielt und mit einem Kameraden, der auf einem zweiten Schlitten sass, die im Wasser oder auf dem dünnen Eis verendenden Vögel heraus- “Hakte”. In jedem Winter kamen mehrere Unglücksfälle vor. Bei diesem “Gliepen” sollen auch einmal - um 1719 zwei Lemkenhafener Fischer eingebrochen sein, die nach mündlicher Überlieferung von der Frau des Landvogtes Peter Witte, die eine geborene Koeß aus Blieschendorf war, gerettet wurden. Sie soll sich dabei aber so stark erkältet haben, daß sie an den Folgen einer schweren Lungenentzündung starb. In früherer Zeit wurde auf der Lemkenhafener Reede auch das “Fischer-Stechen” geübt, ein mittelalterliches Volkspiel. Die Fischer, Fischerknechte und Seeleute versuchten sich gegenseitig mit Bootsriemen oder langen Aalstöcken, an deren enden sie einen “Pülsch” (Wulst) von Flachsabfällen oder Seegras gewickelt hatten, aus den Booten zu stoßen. Da es dabei oftmals recht heiß und dann plötzlich abkühlend herging, kamen die Zuschauer ganz gewiß auf ihre Kosten. Im jahre 1796 wurden vor Lemkenhafen soviel Heringe gefangen, dass die dortigen Fischer und die Bauern aus den umliegenden Dörfern mit Schiebkannen und Wagen in die See hineinguhren, um sie mit Schaufeln aufzuladen. 1799 steht in einer Lemkenhafener Dorfurkunde “hatt Peter Martens einen Aal gefangen, wie allhier bei Femern bishero Keinmandt gesehen.” Nachdem 1787 die Grütmühle gebaut worden war und sich das Kornhandels- und Holzgeschäft Rahlff immer mehr vergrößerte, wurden viele Lemkenhafener Fischer und andere Einwohner mit beim Ein- und Ausbötern von Getreide oder hier eingeführten Waren, wie beim Holzausflößen beschäftigt. Die Schiffe konnten ja - wie schon gesagt wurde, bis an das Bollwerk heransegeln, mußten darum draußen auf der Reede anhern, hier beladen oder gelöscht werden. So war die “Böterei” schon vor dem Bau der Mühle ein Nebenberuf gewesen. Bis um 1804 hatten sich die Böter in einer besonderen Gilde zusammengeschlossen, die an Sonntagen, in dem heute noch stehenden Fachwerkhaus mit schwarzen Ständern des Fischers Zachrist zusammenkamen. Den Vorsitz hatte ein “Vör-“ oder “Oldermann”, der bei den sonntäglichen Zusammenkünften auch die sogenannte “Böter-Andacht” sprach, nämlich ein passendes Kapittel aus der Bibel vorlas und anschließend betete. Einige Male im Jahre mußte der Landkirchner Pastor ins Bötergildenhaus kommen, eine “Böter- Sprache” (Andacht) halten. Nach dem Gebet des “Oldermanns” wurden die Belange der Böter besprochen, auch mit den Vertretern der Reeder oder Schiffer abgerechnet. Man nannte das “bedingn.” Das Böterhaus bestand ursprünglich aus zwei Räumen. In dem einen tagten die Böter bei ihren gewöhnlichen Zusammenkünften, in dem anderen feierten sie ihre “Oplag”, die Goldeauflage. Meistens hatten die einzelnen Böter ihre bestimmten “Ütz”- und “Ökelnamen” (Spitznamen). Jeder wußte, wer gemeint war, wenn man von “Jonas Jöll”, “Aalsteker Pol”, David opn Oken”, “Plink Og”, “Jürn Buütt” und Täs Ungewitter” sprach. Und die so angesprochen wurden, antworteten auch darauf. Wenn die Böter und ihre Gäste einmal lustig wurden und “de Aalput ehr in den Been beten har”, d.i. sie ihre Sorgen und Mühen vergessen wollten, sangen sie mit ihren rauhen Kehlen: 1. “Fischermann mit’n olen Hot - Mudder schlarp op
Tüffeln - 2.Wenn de Derns noch schlapen dot - mütt ik freu all
schrawweln. Mit schrawweln” im zweiten Vers war das Netzreinigen gemeint. Das Lied wurde durch ein “Rummeln” mit den Fingern, auf der Tischplatte begleitet. Am Schluß der Verse rief der “Oldermann” jedesmal laut: “Fisch” wie die Fischfrauen es beim Ausrufen in den Bauerndörfern taten, wenn sie “Fisch un Bütt” verkaufen wollten. Bei diesem “Fischermannleed” wurde natürlich auch stark gegrogt, mit viel Rum in dickwändigen Gläsern “aver - üm Gotts Willn!- nicht sovel Water to!” Das Bauholz wurde draußen bei den Schiffen auf der Reede zusammengekoppelt- an Land geflößt und nördlich von dem vorhin erwaehnten Bötergildenhaus, von Pferden aus dem Wasser gezogen, nach dem Holzlager geschleift, das sich rechts vom heutigen Weg nach der Segelmühle befand. Dort standen einige Speicher und Schuppen, in denen es gelagert wurde- die nach 1910 abgebrochen worden sind. Einer von diesen Speichern wurde damals auf den Hof Rudolf Becker in Lemkendorf umgebaut. Auf Fehmarn war die Meinung vertreten, daß man nur bei der Firma Rahlff & Sohn in Lemkenhafen gutes Bauholz, auch Latten u.dgl. Bekommen hönnen. In Lemkenhafen ist nie ein Dingstein unter freiem Himmel gewesen, was damit ein Beweis dafür sein sollte, daß diese Stadt mit lübschem Recht nicht mit zu sen Ursiedlungen der Insel Fehmarn gehört hat, sondern eine spätere Hafenplatzgründung ist. Im Waldemarschen Erdbuch von 1231/32 mit einer Liste der damaligen Ortschaften auf Fehmarn, wird Lemkenhafen noch nicht erwähnt. Man muß annehmen, daß der Ort zunächst der Hafenplatz des sehr alten Dorfes Lemkendorf war, die Schiffsreede des Westerkirchspiels, als Konkurrenz der Reede vor Burgtiefe. Im Anfang des vorigen Jahrhunderts sprach man im Westerkirchspiel noch allgemein von uns Haven:, wenn man Lemkenhafen- und “de Achterto-haven”, wenn man Burgtiefe meinte. Und in Lemkendorf sagte man damals noch: “He wahnt opn Haven-Enn”, wenn jemand in Lemkenhafen gemeint war.Lemkenhafen war später, als es nach 1510 kein Stadtrecht mehr hatte, das einzigste fehmarnsche Dorf, das neben der Stadt Burg bei Hinrichtungen in der Landschaft Fehmarn, auf dem “Galgenberg”, östlich von Petersdorf keine 2 - 3 Dorfleute zum “Kreis schlaan”, (zum Absperren) zu stellen brauchte. Alte Sagen berichten, daß in der Lemkenhafener Bucht früher Land gewesen, hier auch drei Dörfer untergegangen sind. Man hat auch angenommen, daß die beiden noch vorhandenen Inseln, “grot und runn” Warder genannt, wie noch einige sehr kleine “Büllten”. Reste des untergegangenen Landes sind. In alter Zeit soll der sogenannte “Petersdorfer Weg”, westlich von Teschendorf über die Lemkenhafener “Warder” nach “Deepenhusen”, westlich vom Hafen Orth gegangen sein, wo bis nach 1875 der Winterliegeplatz der fehmarnschen Segelschiffe war. Diese Sagen sind aber in keinem Fall durch urkundliche Quellen zu belegen. Es sind auch keine Perioden oder Daten bekannt, in denen Sturmfluten u..dgl. Hier Landzerstörungen angerichtet haben. In der Dorfliste des schon erwähnten AWaldemarschen Erdbuches@ von 1231 werden zwar drei Dörfer mehr genannt, die wir heute nicht mehr kennen, nämlich “Utaes-thorpe”, “Darganthorpe” und Ratemaersthorpe, aber man kann durchaus nicht ehaupten, dass sie bei Lemkenhafen gelegen haben. Im Schlick der Bucht sind allerdings mehrere Male
vorgeschichtliche Funde, Steinkeile, Flintspitzen, Schaber und dgl. Gemacht, so
1860/68 und 1899. Im Jahre 1885 wurde von zwei Schulkindern zwischen dem
“großen und runden” Warder eine stark mit Grünspan überzogene bronzerne
Armspange und 1889 dicht am Dorfe die Reste eines primitiv gearbeiteten
Holzgerätes, anscheinend eine Schaufel oder Kelle gefunden. Man will in der
Bucht auch Ziegelsteinsetzungen, Pflugfurchen und Holzpfostenreste gesehen haben,
die man als Spuren früherer menschlicher Siedlungen bezeichnet hat, doch muß
man diesen Beobachtungen sehr vorsichtig sein, denn Ziegelsteine können z.B.
auch beim Löschen von Schiffen mit ins Wasser gefallen sein. In den letzten 20
Jahren einige Male vorgenommene Bodenuntersuchungen im Binnensee vor Lemkenhafen
haben jedenfalls keine wesentlichen Resultate ergeben, ob hier einmal Siedlungen
gewesen sind oder nicht. Ein Tauchertrupp mit Draeger Apparaten, der auf meine
Veranlassung im Sommer 1959 die Bucht zwischen Lemkenhafen und den “Wardern”
abgesucht hat, fand auch nur Ziegelbrocken neuerer Zeit, allerdings auch einige
vorgeschichtliche Schaber und Steinsplitter. Die “Warder” sind früher bedeutend größer gewesen, das steht fest. Sie sind in großer Gefahr ganz zu verschwinden, wenn nicht ernsthafte Maßnahmen ergriffen werden, ihre Ufer zu schützen und zu befestigen. Die kleinen Inselchen, wie “Hoviesen”, Runnlocksöver” und “Krusenöver” sind bereits zum größten Teil weggespült. Nur einige Gras- “Büllten” deuten noch an, wo sie gelegen haben. An einigen Stellen finden neue Anlandungen statt, doch sind sie kaum von Bedautung. So sind die beiden Inselchen “Langeland” und Sibirien” ganz wenig größer geworden, auf denen im Sommer verschiedene Seevogelarten, vorwiegend aber Möven ihre Brutstätten haben, doch auch auf dem “runnen” und “großen” Warder. Teile des “großen” Warders wurden in den letzten 100 Jahren als Ackerland genutzt. Es stehen dort zwei Gebäude zum Unterbringen von Heu und getrocknetem Seegras. Die Wildenten sind hier so zutraulich, daß sie sich kaum um arbeitende Menschen kümmern, auch in die Schuppen hineinschlüpfen, um in diesen ihre Eier auszubrüten. Sonst sind die Warder unbewohnt, gehören zwei Kleinbauern in Lemkenhafen und einem in Westerbergen, die ihr Vieh hier gräsen, in Booten zum Melken segeln müssen. Um 1730 wohnte auf dem “großen” Warder - damals noch “Wester Gol” genannt in einer kleinen Hütte ein “Feuerbaker.”. Er mußte hin und wieder “Notfeuer” abbrenen, um den Schiffen auf der Reede und vor dem Fehmarnsund die Richtung anzugeben. Im genannten Jahre wurde seine Huette bei einem schlimmen Unwetter zerstört. Der Baker Sievert konnte ssich damals nur retten, indem er zwei Bretter zusammenband und sich selbst darauf festschnürte. So trieb er an Land und wurde am nächsten Morgen bewußtlos am Strande vor Westerbergen, am sogenannten “gel Över” gefunden. Im Kontinentalkriege, 1813'14 wurde auf dem großen Warder eine Verteidigungsschanze aufgeworfen, mit zwei Kanonen bestueckt, die die Sundeinfahrt decken sollten. Den Platz, den die Lemkenhafener Dorfleute damals aufwerfen mußten, kann man heute noch im Gelände sehen. Zu erwähnen ist, daß sich auf dem großen Warder ein Süßwasserbrunnen befindet. Der “runn” Warder hat steile Ufer, bröckelt immer mehr ab und wird bald nichts mehr von ihm da sein. Bei dem Fremdenstrom, der neuerdings nach Fehmarn kommt, werden auch die beiden Warder bald “erschlossen” werden - sicher nächstens mit CampingLager und dergleichen “belegt.” Dann ist es auch hier aus, mit dem lanschaftlichen Idyll. Und die wenigen Austernfischerpaare, die hier in den letzten Jahren zugewandert sind und ihre Brutplätze gefunden haben, werden dem Gedudel und Juchjudel der neuen Zeit aus dem Wege gehen. Westlich von Lemkenhafen liegt in der Gollendorfer Bucht, am Seedeich, am Wege nach “Neuhof” die kleine Halbinsel “Spitzenorth” im Jahre 1931 fand hier ein Angehöriger des damaligen Freiwilligen Arbeitsdienstes eine alte, stark beschädigte Münze, die recht unleserlich die Buchstaben Cxe tA t und darunter ein Kreuz zeigte . Eine vertiefte Wasserrinne rechts von “Spitzenorth” wurde früher allgemein “Stöversandlock” genannt, vielleicht deshalb, weil hier verhaeltnismaessig viel Sand anlandete der bei trockenem Wetter staubte. In nebligen Nächten will man hier auch nach der Sage Häuser stehen, auch Menschen hin und hergehen gesehen haben. Lemkenhafener Fischer haben dort-angeblich - auch schon Licht brennen sehen. Wenn sie aber naeher herankamen, waren die Haeuser nicht mehr da und das Licht auch nicht mehr zu sehen. In dieser Bucht, erzählten sich frueher die alten Leute, versteinert alles mit den Jahren. Man hat hier schon einen versteinerten Hund!!! - auch eine versteinerte Schildkröte gefunden. Solche Versteinerungen darf man aber - immer nach der Sage nicht mitnehmen - weil einem von dem Anschauen schon das Herz versteinern kann. - - Auf einer Wiese hier am ASpitzenorth@ wuchsen frueher bestimmte Heilkräuter, die ja immer sehr begehrt waren. Alte Frauen gruben hier die Wurzeln des Klappertopfs aus, die gekocht wurden. In das langsam kalt-werdende Wasser legte man in den Fischerhäusern die Fischangeln und APilken@ damit die Fische, nach dem alten Volksglauben besser anbissen. Auch Biberklee, lateinisch Nenyanthes trifoliata hatte hier seinen Standort, aus dem man einen Blutreinigungstee herstellte, der Fiebertemperaturen “herunter tribe”. Die alte Frau N. aus Lemkenhafen machte einen Schnaps davon, den sie den Drainagearbeitern verkaufte, wenn die sich im Fieber Averfingen@. Man nahm an, daß das Fieber plötzlich ins Blut “schoß” und dieses zum Kochen brachte. Auf “Neuhof” wohnte übrigens um 1846/47 ein Pflanzenheilkundiger, der hin und wieder von Verwandten und Bekannten in Anspruch genommen wurde um bestimmte Krankeiten zu heilen, ein dänischer Major von Er hatte vordem die heutige Feuerleinsche Landstelle in Sartjendorf im Besitz gehabt und verlebte seine alten Tage auf Neuhof. Man sah den würdigen weißhaarigen alten Herrn oft über die Felder gehen, um an Knick- und Grabenrändern, auf Weiden und Wiesen Heilpflanzen zu suchen. Das war seine Liebhaberei. Er kannte jedes Kraut, auch die verschiedenen Abarten einer Pflanzengattung, hatte auch im Neuhofer Hausgarten ein Beet mit Heilpflanzen angelegt. Schafgarbe, Lawendel, Salbei, Hirtentäschelkraut, Gottesgnadenkraut, Thymian, Krauseminze, Baldrian usw. wurden gebündelt, in der Sonne oder auf dem Hausboden getrocknet, später sorgfältig geschnitten und zerrieben, um Tee daraus zu bereiten. Einige Arten wurden in Spiritus gelegt, andere “gepulvert”, um Salben daraus herzustellen. “Major sin Salv” für offene Füße und Brandwunden war viele Jahre auf Fehmarn berühmt- In jedem Fall waren die genannten Kräuter gut “för düt und dat”. Viele Leute glaubten mehr an sie, als an die alten Sympatiemittel gewisser “weiser” Frauen. Major E. wandte seine Heilkräuter und Tees nämlich ohne jeglichen Hokuspokus und religioese Besprechungen an, weil er viel zu nüchtern dachte, sich mit derartigem unsinnigen Kram einzulassen. Weil er nun aber oft den “Schrumpelgrethens” und Hexenmötten” in den Dörfern ihr “heimliches Tun und Geschäfsverdark, auch über ihre Heilformen lachte, hatten sie einen “Hack auf ihn, nannten ihn “de As von Hoff.” Wenn man dem Major das zutrug, lachte er ausgelassen, sagte ueberlegen, in dänischer Sprache: “Tak for det!” d.i. Dank darue! Aus der Zeit, als Lemkenhafen noch Stadt war, ist wenig mehr zu berichten, da urkundliche Überlieferungen aus diesen Jahren spärlich sind. Am 7. April 1469 bezeugten Kämmerer und Geschworene der Landschaft Fehmarn, daß Henneke Johanssen de junghe aus Lemmekenhauen 3 Mark jährliche Rente, aus seinem- nach dem Zeugnis des Hinrik und Peter Johanssen aus Avendorf, abgesehen von der Herrenpacht (Abgabe an den König) freien und unverpfändeten Acker auf dem Avendorfer Felde belegen an Marquardt Boekmast, Kirchherrn zu Burg und an den zeitigen Vikar des St. Nikolaialtars in der dortigen Maria- Magdalenen-Kirche (beim Heiligengiststift in Burg) für 37 1/2 Mark unter Vorbehalt des Rückkaufs verkauft hat. (Siehe Fehmarnsche Urkunden und Regesten/Band 3/Nr. 15). Am 16. September 1623 brannte auf der Lemkenhafener Reede ein daenisches Segelschiff “Björnhelm” aus, durch Unvorsichtigkeit eines Matrosen mit Licht. Der Kapitän Lundgreen rettete mit größter Lebensgefahr einen schon bewußtlosen Leichtmatrosen, dem schon seine Haare abgesengelt waren. Im Jahre 1696 mußte der Lemkenhafener Dorfgeschworene auf Betreiben des Landvogtes Peter Witte die Schuldhaft beziehen. Diese Maßnahme wurde damals als Tort gegen einen Nachbar aufgefaßt, löste jahrelange Streitigkeiten im Dorfe aus. Einmal mußten zwei Landreuter in Lemkenhafen eingreifen und sollten Ruhe stiften.” Doch haben sie sich in des Landvogten Hauße am Bierre ergötzt und ihren Dienst zu seinen günsten vorsehen” schrieb ein mutiger Dorfsgeschworener ins Nachbarbuch. Der eingesperrte Dorfgeschworene aber legte Pretest beim scheidelgericht des Mittelsten Kirchspiels ein......…” auch habe man ihn in ein finsteres Loch gesperret,da nur Mäuse und Ratten undt Würmer seint gewesen.” “Auf den Frühjahr 1699 hatt der landtvoget Peter Witten seine pferde in Unser bollen graß treiben laßen - hatt der Schüter sie geholet- ein marck 6 Schilling dafor vorlaget- der landtvoget abersten nicht Zahlen wollen.” “In dath jar 1713 den 28. July haben die Nachbarn aus Unsern dörffe den landtvogten Peter Witten zu Erde bestediget - auch sein Birr (das übliche Totenbier) bekommen.” Der fehmarnsche Landvogt Peter Witte, *7.11.1641 +24.7.1713 in Lemkenhafen wahnte seinerzeit auf dem heutigen Grundstück “Neufahrt”. Er war ein tüchtiger und unerschrockener Schiffer, später auch Bauer und weil er angeblich keine “Möttse” besaß. Die Dorfnachbarn glaubten ihm das aber nicht, denn man hatte ihn mehrfach mit einer “richtigen Möttse” im Dorfe gesehen. Also ran! An den Geldbeutel - 12 Schillinge Brueche, damals immerhin der Wert von einem Paar Stiefel mit hölzernen Sohlen. Im jahre 1777 kosteten 24 Fuß lange finnische Latten pr. Stück 6 Schillinge, 30 Dachpfannen 1 Mark und 6 Schillinge, 1 Tonne Kalk 4 Mark und “das gantze Mist auf die Salzweide”, den man zum Brennen auf dem Küchenher benutzte, nachdem er getrocknet worden war - 3 Mark. 1727 war in Lemkenhafen schon eine Schule, die damals eine Ausgabe von 14 Mark und 4 Schillinge erforderte. Der Schulhalter aber, war ein ausgedienter Matrose, hatte mit dem Propst manchen Kummer auszustehen, “weilen sein Rechnen und Schreiben gar zu wenig undt sein Wissen um die Christliche Lehre ungenügend.” Was sollte er für 16 Mark und 3 Schillinge im Jahre und freie Wohnung in einem sehr undichten Lehmfach werkhaus auch den Buben und Mädels viel beibringen? Das Gericht Fische, das die Kinder, die bei ihm das Rechnen erlernen sollten ihm schuldig waren, bezeichnete er in einer Eingabe an den Kämmerer des mittelsten Kirchspiels als “Luderfische” und “stinkendes Zeug”. Darum ging er “aus freien Stücken” wieder “na See to” und strich Krabben. Auf Schiffen bekam er nämlich “keinen Fluß mehr fest”, weil er ein Bein “nachschleppte”. Der Platz vor dem Johnsenschen Hause wurde früher “de Freeheit”, neben dem früheren Rahlffschen Kornspeicher am Hafen “opn Schill”- vor “Neufahrt” – “Witten Plate” d.i. freier Platz des Witte - der Brunnen hinter dem Garten des Bauern Jürgen Rahlf “Orthsot” und ein kleines Ackerstück am Kreuzweg Neujellingsdorf- Westerbergen “an Kruetz” genannt. Hier soo in katholischer Zeit ein Heiligenbild gestanden haben, doch ist das urkundlich an keiner Stelle berbuergt. Der Handelsplatz Lemkenhafen war wie schon angedeutet, im vorigen Jahrhundert nicht ohne die Kaufmanns- und Schiffsreederfamilie Rahlff zu denken. Der Name war ueberall in den nordländischen Häfen bekannt - in den baltenländischen und finnischen sowohl, als an der norwegischen dänischen und schwedischen Küste. - Kam doch einmal ein fehmarnscher Matrose von einem der Rahlffschen Segelschiffe einmal in Bergen in die mißliche Lage, daß ihm sein Geld ausgegangen war und er seine Zeche nicht bezahlen konnte. Da fragte ihn der Kneipenwirt, woher er denn käme und auf welchem Schiff er angeheuert sei? Antwortete der Fahrensmann: “Auf der Anna, vom Rahlff aus Haven!” Worauf ihm der Wirt ohne weiteres die Zeche bis zum naechsten Tag stundete. Er wußte genau, daß die Kapitäne der Rahlffschen Schiffe nicht aussegelten, wenn einer ihrer Leute auch nur einen Schilling schuldig geblieben war. Wer sie nicht beglichen hatte, bekam vom Schiffer persönlich den Tampen zu fühlen, ohne Erbarmen und ohne Rücksicht darauf, ob er schon drei oder zehn Jahre vor dem Mast gefahren war. Auch in diesem Fall war der Matrose am nächsten Morgen rechtzeitig mit seinem Geld zur Stelle. Und meinte der Wirt: “Das habe ich als selbstverständlich angenommen!” Wenn die Schiffer nach einer Reise im Kontor ihres Reeders in Lemkenhafen Verklaerung ablegten, wurden sie am Schluß immer gefragt: “Un sünst noch wat?” “Allns recht un ree?” Worauf die Kapitäne antworteten: “Allns oll reit!” - Vor Beantwortung dieser Frage wurde kein Glas Rotwein eingeschenkt. Nach der Beantwortung aber stieß der Reeder befriedigt mit seinem AKoptain@ an und wünschte ihm weiter: “Glad Fohrt!” - Vor allem hielten Jürgen Rahlff und Hans Joachim Ulrich Rahlff peinlichst auf Korrektheit. Von dem Letzten wird im Volksmund erzählt, daßer als junger Kaufmann einmal persönlich von Lemkenhafen nach Bojendorf ritt, um einem dortigen Bauern 2 Schillinge zu bringen, die dieser aus Versehen im “Kontor” zu wenig bekommen hatte. Das älteste ursprüngliche Geschäftshaus der Reederfamilie Rahlff stand auf dem heutigen Grundstück “Neufahrt”. Wer um 1820/30 hineintrat war überracht von der reichhaltigen und gediegenen Ausstattung der einzelnen Räume, die zum Teil mit Eichenholzbretter und Tafeln bekleidet waren, auch wertvolle Schnitzereien aufwiesen. Mehrere Zimmer zeigten farbige Kacheln aus Holland oder Stockelsdorf bei Lübeck, mit Landschaftsbildern und anderen Mustern. In der “Döns” der “besten Stube” und im Kontor standen runde und eckige Öfen, die ebenfalls von einer Firma Buchwaldt in Stockelsdorf stammten, hier auf Fehmarn von Wohlhaveden Familien gerne gekauft wurden. Sie waren weiß oder bunt, 9 - 13 Fuß hoch, mußten teilweise von der hinteren Seite angeheizt werden, hatten an der Vorderseite verzierte Messingtüren oder Schüttlöcher aus Porzellan, die man hier örtlich “Röpen” nannte. In den prächtig verzierten Eichenholz- und Intarsienschränken stand auf den Börtern und Konsolen wertvolles Porzellan aus Stoeckeldorf, Kopenhagen und England auch auf mehreren Wandbörtern, das teilweise von den Vorfahren der Reeder oder Kapitänen der eigenen Schiffe angekauft und mitgebracht worden war. Im Jahre 1819 brachte ein Schiffer Rauert eine “halbe Ladung” wetvolles Porzellan u.dgl. Mit aus Kopenhagen, das hier zum großen Teil an wohlhabende fehmarnsche Familien, die es sich leisten konnten weiterverkauft wurde. Im Jahre 1798 schenkte ein Schiffer Beyer aus Burg der “Madame Rahlffen” mehrere Blumenkästen, Serviecen und Plattmenagen, “so er von Lübeck mitgebracht”. Auf der Vordiele des Hanelshauses stand eine wertvolle “Kling-Uhr” (Königsuhr mit dem Bild eines englischen Königs) die in England erworben war. Sie zeigte nicht nur die Stunden und Minuten an, sonder auch die Wochentage und Monate. An der Dielenwand hingen zwei Ölgemälde, mit einem stattlichen Segelschiff und das andere mit einem Bild des dänischen Königs Friedrich VI., der überall in seinen Landen sehr beliebt war. Auf den mit vielen Schnitzereien verzierten Wandbörtern standen silberne und zinnerne Trinkkannen, Becher, Krüge und Teller, die in jeder Woche einmal geputzt werden mußten. In einer kleineren Kammer, an der Südseite des Hauses hing noch lange ein verstaubtes Oelbild an der Wand, das den früheren Landvogt Witte in der Landvogtstracht zeigte, die Jahreszahl 1796 trug. Im Jahre 1884 fand man bei Ausschachtungen im Garten die Reste eines mittelalterlichen Gemäuers mit einigen verkohlten Balken und Ständern. Schon in früheren Jahren sollen hier aehnliche Funde gemacht worden sein, u.a. wurde hier 1865 ein verzierter Treppensten freigelegrt. Eine alte Dorfsage berichtet von einem unterirdischen Gang, der hier einstmals gewesen sein soll, angeblich mehrere, an der Südseite des Dorfes gelegene Häuser miteinander verband. In einem der Haäuser soll vor vielen Jahren einmal ein Schiffsreeder gewohnt haben, der hatte mehrere Schiffe und segelten einige Schiffer aus dem Dorfe für ihn. Dann waren ihre Frauen ja die längste Zeit des Jahres allein zu Hause. Der Reeder mochte nämlich gerne andere Frauen leiden; einige junge waren seine “Elsches” (Geleibten). Damit die Leute im Dorfe es aber nicht so merkten, wenn er sie besuchte, liess er von seinem Keller aus einen unterirdischen Gang bis in die Häuser der abwesenden Schiffer bauen. Und ist er immer durch diese zu den Schiffersfrauen gegangen. Ein Schiffer hat das aber einmal zu wissen bekommen, kam unerwartet zurück und überraschte den Reeder bei seiner Frau. Da sperrte er den Gang ab, ließ an einer Stelle Erde und Steine hineinsinken. Da konnte der Reeder ja nicht in sein Haus zurückkommen, aber auch nicht in das Haus des Schiffers zurück. Denn in dem stand der betrogene Ehemann am Eingang, in seinem Keller, drohte ihn zu erstechen, wenn er herauskommen würde.- So mußte der Reeder in dem Gang verhungern. Der Schiffer hat ihn später gefunden, aber liegen lassen und den Gang in seinem Hause zugemacht, ist wieder auf See gegangen und hat keinem Menschen etwas von dem Tod des Reeders erzählt. Eines Tages ist er dann auf See umgekommen. Die Hausleute des Reeders haben ihn immer gesucht, aber nirgends gefunden. Erst nach vielen Jahren, als in dem Keller des früheren Schiffers etwas umgebaut werden sollte, haben Maurer den Eingang zum unterirdischen Gang gefunden. Und nun soll es hier unter der Erde natürlich noch hin und wieder poltern und spuken. Das soll der verhungerte Schiffreeder machen, dessen Seele nun noch immer nicht in die ewige Seligkeit eingehen kann, weil er sich so schwer gegen das sechste Gebot versündigt hat. Eine alte Frau aber aus dem Dorf- Wußte - angeblich nach der Sage- mitseiner Not Bescheid. Wenn die Bewohner der Häuser sich noch vor Jahren manchmal vor dem "Speukelkram" in dem unterirdischen Gang graulten, wurde sie gerufen. Sie setzte sich dann auf ein Bibelbuch und zündete drei Wachslichter an, die pustete sie nacheinander wieder aus und spuckte dabei jedesmal auf die Erde. Und dann wurde es natürlich - angeblich auch wieder ruhiger unter den Häusen." Bei dem Bau eines Kornspeichers "op de Schill", am Hafen, in der Mitte des einer verfaulten Bolentür freigelegt, der Fund aber leider nicht weiter beachtet. 11864/65 wurden am heutigen “Neufahrt”-Garten einge Grapen und Kessel, mittelalterliche Waffen und ein primitive gearbeitetes Riegelschloß gefunden. Alle diese vorgenannten Funde deuten auf Gebäudereste der früheren Stadt Lemkenhafen hin. Das Kaufmannshaus Rahlff hat nach Auflösung der Firma um 1915 viele Veränderungen erlebt - war Pflegeheim, Unterkunft des nationalsoziallistischen Arbeitsdienstes, Landestöpferschule, Kinderheim usw. usw. Der kleine Fischereihafen westlich von “Neufahrt” hat heute kaum Bedeutung mehr, versandet. Wenige Fischer üben noch ihren Beruf aus. Sonst aber ist im Fischerdorf, der ehemaligen Stadt Stilleben zu Hause; auch die Kaufmannsfamilie Rahlff abgewandert, der um 1880/90 auch die nördlich vom Dorfe gelegene Ziegelei gehörte, die eine Zeitlang sehr gut ging. Der Platz, auf dem sie stand, heißt heute noch “TegelKoppel”. Beim Ziegelstreichen war um 1886 ein fremder Arbeiter Kasimir Lubschek beschäftigt, der “zaubern” konnte, den Lemkenhafener Dorfleuten nach Feierabend und an Sonntagen viel Hokuspokus vormachte. Eines Tages aber war die Kasse auf der Lemkenhafener Mühle ausgeraubt worden, fehlten auch bald hier, bald dort im Dorfe Geldbeträge. Da fiel der Verdacht auf Kasimir, dan “Zauberer”. Eingige handfeste Fischer nahmen ihn an einem Sonntagabend beim Schopfe ind tauchten ihn mehrere Male in dem Dorfbrunnen unter. Sie nahmen an, daß er seine Diebstähle so bekennen würde. Er sagte aber kein Sterbenswort. Und als sie ihn herauszogen, gab er keum noch Lebenszeichen von sich. Später stellte sich heraus, daß er mit den Diebstählen überhaupt nichts zu tun hatte. Er wohnte als ein kranker Mann noch lange in Lütjenburg. Die Brunnentaucherei hatte ihm seine Gesundheit gekostet. Die Täter, die ihn gequält hatten, kamen mit verhältnismäßig gelinden Strafen davon. Um 1872 wohnte in Lemkenhafen noch eine Perlenstickerin, die mit Glasperlen besetzte Strumpfbänder, Aermelsäume und Kopftrachtenhauben anfertigte, die früher einmal große Mode auf Fehmarn waren. Die Frau war bei einer Tante in Kopenhagen groß geworden, hatte einmal bessere Tage gesehen. Sie konnte wunderschön singen, besonders ein dänisches Lied, “den dejlige Blomst” d.i. die reizende Blume. Weil sie es oft bei ihrer Arbeit sang, sich manchmal dabei vergaß, weil sie wohl von besseren Zeiten träumte, nannte man sie in Lemkenhafen nicht anders als “Madam Blomet”. Ihre Hausgenossen wußten, daß sie in jungen Jahren einen dänischen Flottenoffizier sehr lieb gehabt und ihm oft das genannte Lied vorgesungen hatte. Er wurde im Krieege 1848/50 schwer verwundet. Sie pflegte ihn lange, bis er eines Tages in ihren Armen starb. Ihre Perlenstickereien fand man noch nach 1900 in mehreren fehmarnschen Familien, wurden damals vereinzelt noch “Blomet- Perlen” genannt. Man sieht eine Arbeit im Fehmarnschen Museum. Eine besondere Künstlerin war um 1870 in Lemkenhafen auch noch eine alte Frau Liesche, die "op de Freeheit" wohnte. Sie schnitt mit der Scheere ganz fein biblische Scenen aus, nachdem sie das Papier vorher braun oder rötlich gefärbt hatte, z.B. "Jesus am Kreuz" - die Auferstehung, - Jesus vor Pilatus usw. Ihre Schwiegertochter verkaufte sie nebenbei, wenn sie mit Fischen ueber Land ging. Im Heimatmuseum sind noch zwei solche Scheerenschnitte ausgehängt, die von auswärtigen Besuchern viel beachtet werden. “Wo schon Kunst ein stilles Heim gefunden, zieht ihre Jünger es hin!” Es soll noch ein dritte Lemkenhafener Künstlerin erwähnt werden, die um 1840 im Dorfe ihre alten Tage verlebte. Sie hatte einst am dänischen Königshof in Kopenhagen mit gekocht, war so im Alter noch eine Meisterin im Fische backen, mit allem Drum und Dran und was dazu gehörte. Wenn beim Kornhändler Rahlff ganz hohe Gäste speisen sollten, wurde die alte Ankeline gerufen. Die machte dann einen “Torksmus” d.i. Mus aus geschabtem Dorschfleisch zurecht, den gab es zwischen Hamburg und und den nordischen Hauptstädten nur einmal. Er wurde nicht nur gebacken, auch mit bester Butter und noch mehr vom allerbesten betröpfelt. Wenn er auf den Tisch kam und die Gäste hatten ihn früher schon einmal im Hause Rahlff gegessen, sagten sie zu der alten Ankelline, die ihre “Förm” selbst auftrug: “Aaaaah! Was Ankeline bringt, uns in die Seele dringt!” Sie mußte, wenn das Gericht verzehrt war, jedesmal mit den Gästen anstoßen, die sie dann oft mit dem Titel “Madame” ehrten. Vom dänischen Königshof in Kopenhagen stammte auch ein prächtiges Schlittengeläut aus Messing, bei dem die einzelnen Glocken nebeneinander, in einem Bügel hingen. Es war aus den Beständen des königlichen Wagenparks am Schloß Amalienborg von dem dänischen Major Friedrich Rahlff, in Billehave, o 1788 in Gammendorf erworben, der es seinem Bruder Hans Rahlff auf Neuhof schenkte. Das Schlittengeläute befindet sich heute noch im Besitz eines fehmarnschen Bauern, der es 1915 in Lemkenhafen kaufte. Als Beispiel, wie sich eine fehmarnsche Sippe auf der Insel und ueber ihre Grenzen hinaus ausgebreitet hat, bringe ich hier zum Schluß die Generationen der Stammlinie des Bauern- und Kaufmannsgeschlechtes Rahlff in Gammendorf/Dänemark und Lemkenhafen, wobei zu bemerken ist, daß der Name Rahlff, auch Raleff oder Radeleff schon im 15. Jahrhundert auf der Insel Fehmarn vorkommt und zwar wird am 18. März 1488 in einer Urkunde des Staatsarchives in Kopenhagen, in der Kämmerer und Geschworene des Landes Fehmarn mit zuziehung des Propsten Johann Kule in Landkirchen eine Ehebrechung zwischen Hans Houweschildt und Hans Junghes ältester Tochter bezeugen. Unter den Zeugen wird Hinrik Raleff zu Gammendorf genannt. Die direkte durchgehende Linie der Lemkenhafener Rahlff beginnt später, am Anfang des 17. Jahrhunderts. >Ende von Lemkenhafen< |